Lange taten sich Schweizer Politiker schwer mit Twitter. Seit diesem Jahr ist das soziale Netzwerk aber nicht mehr nur Spielerei, sondern Teil des politischen Alltags. Politiker berichten live von Sessionen des Bundesparlaments, twittern aus Wahlforen in den Kantonen und selbst aus Gemeindeparlamenten. Und was sie online diskutieren, nehmen die traditionellen Medien inzwischen regelmässig auf.

Am besten schöpft die Möglichkeiten der sozialen Medien der Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli aus. Der Grüne belegt den Spitzenplatz in einer Auswertung, die «Der Sonntag» mithilfe des Analyse-Tools Klout erstellt hat. Auf der Klout-Skala, die von 0 bis 100 Punkte reicht, erzielt Glättli 65 Punkte. Platz 2 geht an den Waadtländer SP-Nationalrat Jean Christophe Schwaab (61 Punkte), Platz 3 an den Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth (60 Punkte).

Der Klout-Wert ist ein vor allem in den USA verbreiteter Indikator für den Status, den ein Benutzer in der Online-Welt hat. Er zeichnet Interaktionen und Aktivitäten einer Person in den sozialen Netzwerken auf und ermittelt, wer sich mit seinen Beiträgen Gehör verschafft. Der von Klout verwendete Algorithmus ist nicht öffentlich. Entscheidend ist aber offenkundig das Engagement auf Twitter, dessen öffentliche Profile Klout problemlos auslesen kann. Abgebildet wird zum Beispiel, wessen Tweets von anderen Benutzern besonders häufig wiedergegeben oder diskutiert werden. Politiker, die viele Follower haben, aber kaum mit ihnen interagieren, schneiden weniger gut ab.
Auffällig ist, dass 7 der 15 einflussreichsten nationalen Politiker Sozialdemokraten sind. Dahinter folgen die Grünen mit fünf Vertretern. Ähnlich ist das Bild bei Politikern mit einem kantonalen oder lokalen Amt: Auch hier belegen SP und Jungsozialisten sechs von 15 Spitzenplätzen. Am besten vernetzt sind die Stadtzürcher SP-Gemeinderätin Min Li Marti (60 Punkte), der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti (59 Punkte) und der Stadtzürcher SP-Gemeinderat Alan David Sangines (59 Punkte).

Zum nationalen Meinungsführer im Netz wurde Balthasar Glättli nicht durch Zufall: Der Grüne setzt soziale Medien strategisch ein. Am frühen Morgen sammelt er jeweils Artikel und Inhalte im Netz, die er kommentieren und verbreiten will. Ein spezielles App veröffentlicht seine Beiträge dann über Twitter und Facebook zu vorbestimmten Zeitpunkten im Verlauf des Tages. «So kann ich optimieren, wann ich möglichst viele Follower erreiche», sagt Glättli. Nützlich sei, dass viele Journalisten mitlesen würden: «Erst die Beachtung durch traditionelle Medien hat Twitter hier zum Durchbruch verholfen.»

Unsystematischer, aber nicht weniger häufig nutzt der Zürcher SVPKantonsrat Claudio Zanetti den Kurznachrichtendienst. Um Aufmerksamkeit zu erreichen, setzt er auf Provokation: «Twitter ist mittlerweile so gross, dass man schon entsprechend reinfahren muss, um Reaktionen zu erhalten.» Auch wenn Zanetti täglich bis zu 20 Tweets verfasst, möchte er die Rolle der sozialen Netzwerke für seine politische Arbeit nicht überschätzen: «Twitter eignet sich aber dazu, den Journalisten den Wind aus den Segeln zu nehmen oder ihre einseitige Berichterstattung zu entlarven.»

Keine Erklärung hat Zanetti für den Umstand, dass er einer der wenigen bürgerlichen Politiker ist, die sich online erfolgreich vernetzen. Einfluss verloren hat SVP-Nationalrätin Natalie Rickli: Sie war bis zu ihrem krankheitsbedingten Ausfall eine der aktivsten Nutzerinnen von sozialen Netzwerken. Da Klout jedoch vor allem die Online-Aktivität der letzten 90 Tage misst, ist ihr Wert deutlich gesunken.

Wie stark sich der Online-Einfluss von Politikern bei ihren Wählern auswirkt, bleibt ungewiss. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen Twitter von einer breiten Bevölkerung genutzt wird, bleibt die Twitter-Öffentlichkeit in der Schweiz begrenzt: Politiker, Politikinteressierte und Medienschaffende sind deutlich übervertreten – und bilden dennoch in absoluten Zahlen eine kleine Gruppe.

Bedeutendster Online-Meinungsführer überhaupt ist – wenig überraschend – US-Präsident Barack Obama. Der Mann, der seine Wiederwahl auch der Mobilisierung über die sozialen Medien verdankt, erzielt einen Klout-Wert von 99 Punkten.

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