Leidet ein Mensch an einer seltenen Krankheit, ist die Hürde oft kleiner: «Sie dürfen mich nach meinem Tod obduzieren», sagte erst diese Woche ein Patient zum behandelnden Arzt am Institut für Pathologie Bern. «Ich hoffe, Sie können damit mehr über die Krankheit lernen.» Doch solche Szenen sind in Schweizer Spitälern rar.

Die Zahl der Autopsien hat in den letzten Jahren stark abgenommen – und ist an einem Tiefpunkt angelangt. Immer häufiger verweigern Patienten ihre Zustimmung zu einer Autopsie. In Bern wurden im vergangenen Jahr gerade einmal 156 klinische Autopsien durchgeführt. Vor 20 Jahren waren es noch 1007. Am Universitätsspital Zürich zeigt sich ein ähnliches Bild. Das sind keine Einzelfälle: Schweizweit sank die Zahl von jährlich über 8000 Autopsien 1993 auf knapp 2000 heute.

«Wir sind am unteren Limit angelangt», sagt Aurel Perren, der Direktor des Institutes für Pathologie in Bern. «Wenn die Zahl der Autopsien weiter abnimmt, leidet die Ausbildung der angehenden Mediziner.» Dann könnten sie den jetzigen Standard nicht mehr halten. Pathologen und Ärztevereinigungen verweisen schon länger auf den Wert der Autopsien. Sie verbessern das Verständnis von Krankheiten, wodurch neue Behandlungsmethoden und Medikamente entwickelt werden können. Auch für die Aus- und Weiterbildung der Ärzte sind Autopsien unverzichtbar.

Nur durch die Obduktion könnten angehende Mediziner Krankheiten «in natura» sehen, sagt Perren. Erst diese Erfahrung mache eine Krankheit greifbar und gebe den höheren Semestern und Assistenzärzten eine echte Vorstellung vom Krankheitsverlauf und den Folgen für den Körper. Ansonsten würden die Studenten nur die Schwarz-Weiss-Bilder der Röntgenmaschine kennen.

Für Gieri Cathomas, Chefarzt der Pathologie am Kantonspital Baselland, sind Autopsien eine unverzichtbare Qualitätskontrolle. Schliesslich gelte es zu prüfen, ob die gestellte Diagnose richtig war. Auch im Baselbiet ist der Rückgang der klinischen Autopsien deutlich. Waren es vor 20 Jahren über 585, sind es heute knapp 100.

Die Gründe für den Einbruch sind vielfältig. In den letzten 15 Jahren wechselten viele Kantone von der Widerspruchslösung zur Zustimmungslösung. Seither müssen entweder die Patienten oder deren Angehörige in die klinische Autopsie einwilligen. Davor musste man Widerspruch einlegen, ansonsten war die Leiche zur Autopsie freigegeben. «Patienten und Angehörige lehnen eine Autopsie heute deutlich öfter ab», sagt Cathomas.

Deshalb sei es wichtig, die jungen Ärzte gut auf die Gespräche mit den Patienten und den Angehörigen vorzubereiten, denn die seien nicht einfach, sagt Cathomas. Oft ist auch der hohe Zeitaufwand ein Hindernis für den Arzt. Als weiterer Faktor kommen die Kosten einer klinischen Autopsie hinzu. Die 1000 bis 2000 Franken werden nicht von der Krankenkasse gedeckt. Das belastet das Spitalbudget zusätzlich.

Damit wieder mehr Personen einer Autopsie zustimmen, muss laut Perren ein Imagewandel her. Dem Prozess hafte ein schmuddeliger Ruf an. Dabei handle es sich bei einer Autopsie vielmehr um einen postmortalen Eingriff: hell und sauber statt düster und blutig, wie manche TV-Serie fälschlicherweise vermuten lässt. Neben einem besseren Image brauche es auch einen Modernisierungsschub, sagt Perren. So könnte dank neuer Technik künftig ein Grossteil der herkömmlichen Autopsien und Leichenöffnungen durch eine Kombination von Bildgebung und minimalinvasivem Vorgehen, das heisst mit kleinstmöglichem Schaden, ergänzt werden. «Heute sehen Autopsien fast gleich aus wie vor 100 Jahren», sagt Perren. «Das müssen wir verbessern.»

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