Hunderte Firmen haben umsonst gesucht. Diesen Sommer konnten über 8000 Lehrstellen nicht besetzt werden. Der Lehrlingsmangel bleibt akut. Um die Attraktivität für Jugendliche zu steigern, fordert die Gewerkschaft Unia nun ein höheres Gehalt für die Auszubildenden.

In der aktuellen Lehrlingsumfrage der Unia gibt jeder Dritte der 1500 Befragten an, unzufrieden mit seinem Gehalt zu sein. «In einigen Branchen bekommen die Lehrlinge deutlich zu wenig für die geleistete Arbeit», sagt Corinne Schärer, Geschäftsleitungsmitglied der Unia. Das gelte besonders für das dritte Lehrjahr, wenn die jungen Erwachsenen meistens als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt werden. Darunter habe zuletzt der Ruf der Berufslehre gelitten, sagt Schärer. Viele Jugendliche fühlten sich ausgenutzt.

Deshalb soll das Lehrlingsgehalt künftig in den Gesamtarbeitsverträgen geregelt werden. Natürlich dürfe der Lohn nicht das Niveau eines Angestellten erreichen, sagt Schärer, doch die im Durchschnitt etwas mehr als 1000 Franken – über die gesamte Lehrzeit hinweg – seien deutlich zu wenig.

Je nach Branche verdienen die Lehrlinge unterschiedlich viel (siehe Tabelle). Während eine Bekleidungsnäherin im ersten Lehrjahr 350 Franken im Monat verdient, erhält ein Gebäudereiniger 875 und ein Winzer bis zu 1450 Franken. Ausserdem erhalten nicht alle Lehrlinge einen 13. Monatslohn. Auch dafür setzt sich die Gewerkschaft ein.

Ein Anstieg der Löhne könne einen kurzfristigen Anreiz bieten, sagt José San José, Sprecher des Personalvermittlers Adecco. Für eine langfristige Lösung sei dies jedoch der falsche Ansatz. Vielmehr sollten die Branchen die Vorteile der Berufslehre unter den Jugendlichen besser bewerben, sagt San José.

Die Debatte um die Berufslehre neu befeuert hatte diese Woche Rudolf Strahm. Der ehemalige Preisüberwacher und Alt-SP-Nationalrat warnt vor der Akademisierungsfalle. Zu viele Jugendliche strebten – teilweise von den Eltern gedrängt – an die Mittel- und Hochschulen. Dabei bliebe aber die Berufslehre als das Erfolgsrezept der Schweizer Wirtschaft auf der Strecke. Länder mit einer hohen Maturaquote hätten in der Regel eine höhere Jugendarbeitslosigkeit.

Den Lehrlingslohn sieht Strahm nicht als entscheidenden Faktor. Wichtiger seien die Karrierechancen nach Abschluss der Lehre, sagt er. Ausserdem sollten alle Betriebe Schnuppertage anbieten und an lokalen Bildungsmessen teilnehmen.

Als weitere Neuerung schlägt Strahm die Einführung eines Basisjahres vor. Lehrlinge, die bereits einen Lehrvertrag mit einer Firma auf sicher haben, würden dann das erste Lehrjahr in der Berufsfachschule verbringen und das nötige Grundwissen erlernen. Mit diesem Know-how würden sie dann besser in den Betrieb starten können.

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