Um 20 Prozent müssten die Lehrerlöhne steigen, forderte der Schweizer Lehrerverband diese Woche. Der Grund: Lehrer hätten einen bis zu 85 Prozent tieferen Lohn als in der Privatwirtschaft tätige Personen mit gleichem Anforderungsniveau. Als Ultima Ratio brachte Lehrerverbands-Präsident Beat Zemp gestern im Gespräch mit Radio SRF gar einen Lehrerstreik ins Spiel. Nun räumt eine neue Studie der OECD aber mit dem Mythos der unterbezahlten Schweizer Lehrer auf. Die Organisation untersuchte die Lehrerlöhne in 36 Mitgliedsstaaten. Das Ergebnis: Nur in Luxemburg verdienen Lehrer mehr als hierzulande. Mit dem hohen Preisniveau lassen sich die Unterschiede nicht erklären: Die OECD vergleicht kaufkraftbereinigte Löhne, rechnet also die höheren Preise in der Schweiz heraus.

Auch sind die Schweizer Klassen unterdurchschnittlich klein. Während in den untersuchten OECD-Staaten durchschnittlich 21,3 Kinder in einer Klasse sitzen, sind es in der Schweiz nur 18,9. Auf der Sekundarstufe werden die Unterschiede noch augenfälliger. Dort besteht die durchschnittliche Schweizer Klasse aus 18,7 Schülern, während die Lehrer andernorts durchschnittlich vor über 23 Jugendlichen stehen.

Die Anforderungen seien in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen, sagt Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Lehrerverbands. «Die Schweizer Löhne sind im internationalen Vergleich zwar fast immer hoch», sagt sie. Es gebe aber kein anderes Land, in dem die Lehrer mehr unterrichteten als in der Schweiz. Tatsächlich führen die Schweizer Lehrer die Rangliste bezüglich Unterrichtszeit an: 930 Stunden stehen sie jährlich vor der Klasse, über 2000 Stunden beträgt gemäss dem Lehrerverband der gesamte jährliche Aufwand. Der durchschnittliche Lehrer eines OECD-Landes arbeitet 1700 Stunden.

Bei Experten hält sich die Begeisterung über die Lohnforderung dennoch in engen Grenzen. «Der Verband will damit auch das Image des Berufs verbessern», sagt Dieter Rüttimann, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Schulleiter der privaten Zürcher Gesamtschule Unterstrass.

Es sei aber ein Trugschluss, Wertschätzung an den Löhnen abzulesen. «Dann müssten Banker in der öffentlichen Wahrnehmung äusserst beliebt sein», sagt er. Ausserdem zähle der Lehrerberuf bereits zu den angesehensten. «Hunderte von hochausgebildeten Quereinsteigern drängen jedes Jahr in die Schnellausbildung, darunter Tierärzte, Sängerinnen oder Architekten.»

Sollten die Lehrerlöhne in der Volksschule tatsächlich deutlich ansteigen, geraten auch Privatschulen unter Druck. «Wenn die Forderung erfüllt wird, müssten wir die Schulgelder um 15 Prozent erhöhen, um konkurrenzfähig zu bleiben», sagt Rüttimann. Von einer flächendeckenden Lohnerhöhung hält er deshalb wenig. Es mache mehr Sinn, höhere Löhne an Weiterbildungen wie ein Masterstudium zu koppeln. Das sei der bessere Anreiz. In der Regel zahlen Privatschulen ihren Lehrern bereits heute tiefere Löhne als die Kantone. Dieser Unterschied würde sich weiter vergrössern.

Laut Markus Fischer, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Privatschulen, schätzen die Lehrer an Privatschulen denn auch vor allem die Freiheit in der Unterrichtsgestaltung. Die Volksschule gebe ein deutlich engeres «Korsett» vor. Zu den Pluspunkten zählten auch die verschiedenen pädagogischen Schwerpunkte der einzelnen Privatschulen. Die Lehrkräfte würden sich so stärker mit der Schule identifizieren.

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