Alleineerziehende Mütter mit ihren Kindern, Rentner, Sozialhilfeempfänger, Studenten, Väter von Grossfamilien, Migranten – die Schlange vor der Abgabestelle der Organisation Tischlein deck dich ist lang. Hier werden Lebensmittel verteilt, deren Haltbarkeitsdatum bald abläuft, Fehlproduktionen, Überschüsse der Lebensmittelproduzenten. Eine Einkaufstasche voll mit Essen kostet 1 Franken. Grosses Gedränge, als die Tür endlich aufgeht. «Wir verteilen möglichst gerecht, was wir von den Läden bekommen», sagt Verena Wild, Stellenleiterin in Aarau. Heute hat es: Eingelegte Aprikosen, Meerrettich, Schokoladenkekse, Joghurt, Käse, Pralinen, Bananen, Brot, tiefgekühlter Spinat – und wegen der Ehec-Angst besonders viele Gurken.

Nach einer Stunde haben fast sechzig Personen ihre mitgebrachten Einkaufstaschen gefüllt, alle Waren sind weg. Viele schämen sich und nehmen, was sie bekommen, andere sind aber auch wählerisch und ungeduldig. Einkaufen darf hier, wer vom Sozialamt wegen Bedürftigkeit eine Bezugskarte bekommt. Alle Altersgruppen sind vertreten. Auffällig: «Es hat wieder mehr Schweizer», stellt Wild fest. Tischlein deck dich versorgt aktuell pro Woche 12500 Menschen mit Essen. Das ist ein neuer Rekord.

Doch die Nachfrage in den 82 Abgabestellen ist zu gross. «Wir haben jetzt einen Bezugskartenstopp verhängt, weil unsere Abgabestellen nicht mehr Leute aufnehmen können», sagt Caroline Schneider von Tischlein deck dich. Dies, obwohl auch in diesem Jahr neue Abgabestellen geöffnet wurden und weitere geplant sind. «Und wir haben noch längst nicht alle Armen erreicht», sagt Schneider. Wer keine Karte mehr kriegt, hält sich mit Schnäppchenjagd über Wasser, so Schneider. Ähnlich tönt es bei der Schweizer Tafel. Die Organisation verteilt pro Tag 12 Tonnen Lebensmittel, die von den Lebensmittelproduzenten und -händlern weggeworfen werden, gratis an Bedürftige.

Die Nachfrage ist gross. Im ersten Quartal wurden bereits mehr Lebensmittel verteilt als in den vorherigen Jahren. «Wir könnten aber noch sehr viel mehr verteilen, aber unsere Ressourcen sind beschränkt», sagt Daniela Rondelli Stromsted, Geschäftsleiterin der Schweizer Tafel. Die Dunkelziffer der Bedürftigen ist hoch. Klar ist: «Es werden ganz sicher nicht weniger», sagt Rondelli.

Dass viele Menschen auf eine Lebensmittelhilfe angewiesen sind, zeigt auch die Umsatzsteigerung in den Caritas-Märkten, die Lebensmittel zu Tiefpreisen verkaufen. «Wir haben je nach Laden bis zu 15 Prozent mehr Umsatz», sagt Rolf Maurer, Verantwortlicher für die Caritas-Märkte. In gewissen Läden stehen die Leute schon frühmorgens Schlange.

Eine noch unveröffentlichte Umfrage der Caritas zeigt, wer bei ihnen einkauft: 66 Prozent der Kunden stammen aus der Schweiz. Die meisten sind zwischen 36 und 45 Jahren. Die meisten kaufen ein- bis dreimal pro Woche ein, pro Tag sind es etwa 3000 Personen. Caritas will deshalb die Zahl der Läden weiter ausbauen.

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