Wie ein Geschoss rast der weisse Lastwagen über den Boulevard am Strand von Nizza direkt in die Menschenmenge. Erst nach zwei Kilometern kann er durch die Polizei gestoppt werden. Der Anschlag stellt eine neue, erschreckende Dimension des Terrors dar. Wer hätte vor Jahren geglaubt, dass so viele Menschen von einem Lastwagen einfach umgefahren werden?

Noch ist unklar, inwiefern der Fahrer, Mohamed Lahouaiej Bouhlel, Verbindungen zum radikalen Islam hatte. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat mittlerweile über einen Propagandakanal den Anschlag für sich reklamiert. Fest steht: Das Attentat passt zur Terrormiliz IS, sie hatte bereits 2014 dazu aufgerufen, Fahrzeuge als Waffen zu verwenden, um «Ungläubige» zu töten. So sagte Abu Mohammed al-Adnani, ein Sprecher des IS: «Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, erstickt oder vergiftet ihn.» Und auch die al-Kaida gab 2010 in ihrem englischen Propagandamagazin eine Anleitung für Anschläge auf «Kreuzritter» mit Fahrzeugen. Sie schrieben zynisch: «Die Idee ist es, einen Pick-up zu verwenden – aber nicht, um Gras zu mähen, sondern die Feinde Allahs: der ultimative Mähdrescher.»

In Israel ist Gefahr bekannt
In Europa war es der erste Anschlag mit einem Fahrzeug. In Israel gehört diese Gefahr seit Jahrzehnten zur bitteren Realität. Allein im Jahr 2015 verübten Palästinenser sechs tödliche Fahrzeugattacken. Auch 2016 gab es ähnliche Versuche. Dabei dienen Busse, Lastwagen, Traktoren, Schaufelbagger oder Kleinwagen als tödliche Waffen. «Mit einem Fahrzeug kann man viele Opfer verursachen», sagt Nizan Nuriel, ehemaliger Anti-Terror-Berater der israelischen Regierung, gegenüber Watson.ch.

Über die Motive von Lahouaiej Bouhlel ist wenig bekannt. Er könnte sich aus Sicht des französischen Innenministers Bernard Cazeneuve sehr schnell radikalisiert haben. Menschen, die für die Botschaften der Terrormiliz IS zugänglich seien, liessen sich für extrem brutale Aktionen gewinnen, ohne unbedingt dafür ausgebildet worden zu sein, sagte Cazeneuve laut der französischen Nachrichtenagentur AFP nach einer Kabinettssitzung am Samstag. Die französische Polizei fahndet derzeit nach Komplizen.

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