Als Hillary Clinton am 7. Juni 2008 ihren Traum zu Grabe trug, für die Demokraten in den Präsidentschaftswahlkampf zu ziehen, sagte sie vor Tausenden von Anhängerinnen: Es sei ihr nicht gelungen, die «unsichtbare Barriere» zu durchbrechen, die Frauen seit Jahren am beruflichen Aufstieg hindere – aber immerhin habe diese nun «18 Millionen Bruchstellen», eine Anspielung auf die Zahl der Stimmen, die sie im langen, hart geführten Vorwahlkampf gewonnen hatte. Im Publikum trug eine Frau einen Ansteckknopf mit der Aufschrift: «Hillary soll Päpstin werden.»

Es war dies ein seltener Moment, in dem Clinton auf die historische Rolle einging, die sie in der amerikanischen Politik spielt: als erste Politikerin, die sich um die Nomination zur Präsidentschaftskandidatin einer Grosspartei bewarb und Siegeschancen besass. Mit einen Grund für die Niederlage, die Clinton vor sieben Jahren im Vorwahlkampf gegen Barack Obama erlitt, mag just gespielt haben, dass sie sich nicht als Wegbereiterin präsentieren wollte – aus Angst, vom politischen Gegner als Angehörige des «schwachen Geschlechts» verhöhnt zu werden. Amerika wolle keine «First Mama» im Weissen Haus, sagte damals ein Berater, sondern jemanden, der aus hartem Holz geschnitzt sei.

Aus Fehlern lernt man. Deshalb wird Clinton (67), wenn sie heute Sonntag mit einer Videobotschaft ihre zweite Bewerbung ankündigt, häufiger erwähnen, dass sie nicht nur Politikerin, sondern auch Mutter und Grossmutter ist. So schrieb sie im Nachwort zur Taschenbuchausgabe ihrer Memoiren «Entscheidungen», die Ende Monat auf Englisch erscheint, wie viel Freude es ihr bereite, mit ihrem Grosskind Charlotte zu spielen.

Offen ist, ob diese Kurskorrektur in den USA auf Anklang stossen wird. Denn die grösste westliche Industrienation ist für weibliche Politiker ein hartes Pflaster – obwohl doch sämtliche Amerikanerinnen seit der Ratifizierung des 19. Verfassungszusatzes im Jahr 1920 das aktive Wahlrecht besitzen.

Politikerinnen sind besonders in Washington stark untervertreten. 19,4 Prozent der 535 Volksvertreter im nationalen Parlament sind Frauen. Damit rangieren die USA im Quervergleich der Interparlamentarischen Union im Mittelfeld, auf Rang 79 unter 143 demokratischen Ländern. Zum Vergleich: Die Schweiz befindet sich auf Rang 34, dank einem Frauenanteil von 30,5 Prozent im Nationalrat und 19,6 Prozent im Ständerat.

Von den 84 Frauen im US-Repräsentantenhaus sind 62 Demokratinnen und 22 Republikanerinnen. Ähnlich sieht das Kräfteverhältnis im Senat aus: Dort politisieren 14 weibliche Demokraten und 6 weibliche Republikaner.

Debbie Walsh sagt angesichts solcher Zahlen: «Frauen haben in der amerikanischen Politik einen schweren Stand.» Die Politikwissenschafterin muss es wissen. Sie ist Direktorin des Forschungsinstituts Center for American Women and Politics an der Rutgers University, New Jersey. Sie nennt das Wahlsystem, den fehlenden Einfluss der Grossparteien auf die Kandidatenauswahl und die Listengestaltung sowie die Rolle, die Amerikanerinnen in der Gesellschaft spielten. «Frauen», sagt Walsh zusammenfassend, «sind häufig themengesteuert und müssten gefragt werden, damit sie in die Politik einstiegen.» Männer hingegen stellten sich zur Wahl, weil sie Lust hätten, sich politisch zu engagieren.

Interessant daran ist, dass sich bei nationalen Wahlen seit Jahren mehr Frauen als Männer beteiligen. 2012, als Präsident Obama eine zweite Amtszeit gewann, strömten gemäss der Volkszählungsbehörde 71,4 Millionen Frauen und 61,6 Millionen Männer an die Wahlurnen. Debbie Walsh weist aber darauf hin, dass US-Wählerinnen nicht automatisch die weiblichen Kandidatinnen bevorzugten. Vielmehr sind es ideologische Beweggründe, die den Ausschlag über den Wahlentscheid geben. Das heisst: Selbst wenn ein demokratischer Mann einer republikanischen Frau gegenübersteht, zieht die Mehrheit der Wählerinnen den Demokraten der Republikanerin vor.

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