Während Monaten haben 14 Jugendliche (13 bis 17 Jahre) in Reiden LU ein Mädchen missbraucht, gefilmt und erpresst. Die Bande lauerte dem Opfer nach der Schule auf und zwang es in öffentlichen Toiletten zu Oral- und Geschlechtsverkehr.

Diese Woche hat die Jugendanwaltschaft acht der 14 Jugendlichen bestraft. Die als Mitläufer beurteilten Jungs sind zu bedingten Freiheitsstrafen zwischen zehn Tagen und drei Monaten verurteilt worden und müssen Arbeitseinsätze von drei bis fünf Tagen leisten. Die sechs mutmasslichen Drahtzieher kommen in den nächsten Wochen vor das Jugendgericht. Ihnen droht als härteste Strafe eine Schutzmassnahme bis zum 22. Lebensjahr, zum Beispiel in einem Jugendheim, oder ein Jahr Gefängnis. Sind die Täter älter als 16, kann der Freiheitsentzug bis zu vier Jahre dauern.

Das Ausmass der Übergriffe ist schockierend und es fragt sich: Kann ein solches Martyrium mit den ausgesprochenen Strafen gesühnt werden? Im Auftrag des Bundesamtes für Justiz (BJ) untersuchten Christoph Urwyler und Jachen C. Nett von der Berner Fachhochschule Soziale Arbeit die Wirksamkeit des seit 2007 geltenden Jugendstrafgesetzes. Das Fazit der neuen Studie: Das hiesige Strafsystem mit Strafen und Massnahmen beugt weiteren Straftaten vor. Und die meisten jugendlicher Täter beurteilen ihre eigene Tat im Nachhinein kritisch.

Die Untersuchung zeigt aber auch: Das Jugendstrafgesetz hat wenig abschreckende Wirkung. «Kein Strafgesetz vermag eine starke Abschreckungswirkung auf potenzielle Täter auszuüben, das zeigt die kriminologische Forschung. Dass Jugendliche keine Straftat begehen, hängt vielmehr davon ab, dass sie die gesellschaftlichen Normen für sich akzeptieren und Straftaten missbilligen», sagt Urwyler. Deshalb orientiere sich das Jugendstrafgesetz weniger an der Abschreckung, sondern an der Erziehung. Hinzu kommt: «Eine Massnahme in einer stationären Einrichtung wie beispielsweise einem Jugendheim, wo sich Jugendliche intensiven Erziehungsmassnahmen stellen müssen, ist für sie härter, als eine Strafe einfach in einem Gefängnis abzusitzen», sagt Urwyler.

Das stellt auch Marcel Riesen-Kupper, leitender Oberjugendanwalt, fest: «Aus einer Schutzmassnahme werden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen erst entlassen, wenn davon auszugehen ist, dass sie keine weiteren Delikte mehr begehen werden und eine Integration in die Gesellschaft möglich ist.»

Hier setzt auch die vom Bundesrat diesen Monat gutgeheissene Revision des Strafrechts an. Künftig soll die Altersgrenze für die Beendigung von Massnahmen statt 22 neu 25 Jahre betragen. «Heute müssen einzelne Jugendliche aus den Massnahmen entlassen werden, auch wenn ihnen die für ein geordnetes Leben erforderlichen Grundlagen fehlen», schreibt das BJ in einer Mitteilung. Voraussichtlich wird der Nationalrat in der Herbstsession darüber debattieren.

212 minderjährige Sexualstraftäter sind 2011 verurteilt worden. Für 2012 sind die Urteile noch nicht bekannt, es zeichnet sich aber eine Zunahme ab: Mehrere Kantonspolizeien vermelden mehr Delikte von Jugendlichen gegen die sexuelle Integrität. Insgesamt gingen 400 Anzeigen ein. Die Mehrheit der Täter ist zwischen 10 und 14 Jahre alt. «Minderjährige, die ein Sexualdelikt begehen, sind bei ihrem ersten Übergriff mehrheitlich jünger als 15 Jahre», sagt Cornelia Bessler, Chefärztin der Kinder- und Jugendforensik in Zürich. Viele Delikte sind auf fehlende Sozialkompetenzen des Täters zurückzuführen. «Oft wissen Jugendliche schlicht nicht, wie sie miteinander umgehen sollen.»

Die leicht zugängliche Pornografie ist ein weiteres Problem. «Der Umgang mit Sexualität muss erlernt werden. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind oft zusätzlich verunsichert.» Es mangle den Jugendlichen an Steuerungsmöglichkeiten ihres Sexualtriebs. «Zudem sind sie sich den Auswirkungen ihres Handelns oft zu wenig bewusst und haben keine Vorstellung darüber, was sie einem Opfer antun», sagt Bessler.

Handlungsbedarf sieht die Jugendforensikerin in der Dauer von durchschnittlich 1,7 Jahren von der Tat bis zur Verurteilung der jugendlichen Sexualstraftäter. «Gezielte Massnahmen, welche eine Korrektur des fehlbaren Verhaltens bewirken sollen, kommen viel zu spät.» Trotzdem zeigt sich: Die wenigsten Sexualstraftäter werden mit erneuten Sexualdelikten rückfällig.

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