Für viele Sportler gehören sie inzwischen zum Inventar: Elektronische Armbänder wie «Fitbit», welche die körperliche Betätigung wortwörtlich auf Schritt und Tritt verfolgen. Sie messen alles von der Anzahl getätigter Schritte bis hin zum Puls.

Die Krankenversicherung CSS, deren Kürzel für «christlich soziale Schweiz» steht, macht sich diese Ansammlung von Informationen zunutze. Nach einer erfolgreichen Testphase hat sie vor kurzem ihr neues Programm «MyStep» schweizweit eingeführt. Es funktioniert so: Kunden mit einer Zusatzversicherung werden mit Rabatten belohnt, wenn sie täglich mindestens 10 000 Schritte gehen.

Doch nun ertönt Kritik von Behindertengruppierungen, so zum Beispiel Agile, dem Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen. «Dieses Programm ist diskriminierend für Menschen mit einer Behinderung», sagt Agile-Sprecherin Silvia Raemy. Viele Personen seien körperlich schlicht nicht fähig, täglich so viel zu gehen. In der Regel hätten diese Menschen ohnehin schon höhere Gesundheitskosten zu bewältigen, da sie auf teure Spezialisten angewiesen seien.

«Das ist ungerecht»
Auch der gemeinnützige Verein Procap, der sich für Menschen mit Behinderungen einsetzt und rund 20 000 Mitglieder zählt, äussert Bedenken: «Eine solche Zweiteilung der Kundschaft ist ungerecht», sagt Martin Boltshauser, Leiter des Procap-Rechtsdienstes. Man werde die CSS ersuchen, das Programm für Menschen mit anderen Bewegungsabläufen zu erweitern, damit auch sie profitieren können.

Das Problem ist grundlegend: Die obligatorische Grundversicherung ist solidarisch abgestützt. Bei Zusatzversicherungen herrscht jedoch Vertragsfreiheit. Hier können Versicherungskonzerne mit Sonderangeboten auf Kundenfang gehen. Behinderten Menschen, bei denen das Krankheitsrisiko oft schon bei der Geburt eingetreten ist, werden aber solche Zusatzversicherungen in aller Regel verwehrt, zum Beispiel wenn jemand an einer angeborenen Glasknochenkrankheit oder Blindheit leidet. «Diese Ausgrenzung mag zwar prämientechnisch korrekt sein, aber moralisch ist sie stossend, denn sie widerspricht jeglichem Integrationsgedanken», sagt Boltshauser. In der Schweiz leben laut Bundesamt für Statistik 1,6 Millionen Menschen mit Behinderung.

CSS weist Kritik von sich
Marc Moser, Sprecher von Inclusion Handicap, dem Dachverband, dem Schweizer Behindertenorganisationen wie Pro Infirmis und Insieme angehören, sagt denn auch: «Eine blinde Person, die täglich 10 000 Schritte läuft, wird unter Umständen gar keine Möglichkeit haben, eine Zusatzversicherung abzuschliessen, weil sie blind ist.» Dies sei äusserst stossend und zeige, dass das Behindertengleichstellungsgesetz ungenügend vor Diskriminierung schützt. Dabei hat die Schweiz eigentlich die UNO-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, die Diskriminierung verbietet. Allerdings lässt sich diese laut Marc Moser nicht mit der restriktiven Rechtsprechung zum Diskriminierungsverbot im Behindertengleichstellungsgesetz vereinbaren.»

Mit der Kritik konfrontiert, sagt CSS-Sprecherin Christina Wettstein, von einer gesünderen Lebensweise der «MyStep»-Teilnehmer würden alle Versicherten profitieren, weil die Kosten und somit auch die Prämien für alle weniger stark steigen, «auch für diejenigen, die diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen wollen oder können». Sie betont, Schweizer Krankenversicherer würden jährlich 50 Millionen Franken für Präventionsleistungen ausgeben, wie zum Beispiel Beiträge für ein Fitnessabonnement. Die CSS allein zahle rund 12 Millionen. «MyStep» zähle heute bereits 4200 Kunden, die durchschnittlich 12 000 Schritte pro Tag gehen.

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