Deckung suchen, nachladen, schiessen. Waffen und die passende Munition fürs Kriegsspiel gibt es in den Kinderabteilungen der Detailhändler. Gelbe Pumpguns und orange Maschinenpistolen stehen bereit für den Häuserkampf am Weihnachtstag. «Dieses Modell hier verkauft sich megagut», sagt eine Verkäuferin im Manor Baden und zeigt auf den motorisierten Blaster namens «Rapidstrike CS-18». Er kostet Fr. 89.90. Das Modell «Stormtrooper» wird auf der Verpackung wie folgt angepriesen: «Erlebe die totale Action des ersten Kommandos!»

Schon halb leer sind die Regale mit den grellen Nerf-Waffen im Coop-City-Warenhaus. «Vor Weihnachten laufen die natürlich super», sagt die Verkäuferin. «Vor allem die grossen Waffen.» Dass die XL-Maschinen beliebt sind, zeigt auch ein Augenschein in der Spielzeugabteilung der nahen Migros-Abteilung. «Die grossen Waffen sind bei uns schon ausverkauft», sagt eine Verkäuferin.

Genau einen Monat ist es her seit den IS-Anschlägen in Paris mit über 130 Toten. Die Detailhändler lassen sich davon nicht beirren. Das war nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York noch anders: Franz Carl Weber räumte die Produkte aus dem Regal. Diesmal wird munter weiterverkauft. Sogar die staatliche Post macht mit den Kriegsspielzeugen Umsatz: Den «Demolisher 2-in-1» gibts im Post-Shop für Fr. 69.90. Grund für das Comeback der Plastikwaffen ist das Aufkommen einer neuen Produktegeneration. Der Spielzeughersteller Nerf revolutionierte das Arsenal im Kinderzimmer. Dessen Modelle sind mit ihren Neonfarben als Spielzeuge erkennbar. Und sie feuern ««nur» Schaumstoffpfeile ab. Ganz harmlos sind sie aber nicht. Auf den Verpackungen liest der umsichtige Nutzer: «Achtung: Nicht auf Augen und Gesichter zielen!»

Die Händler wollen nicht von «Waffen» sprechen. Es handle sich um eine Weiterentwicklung der Wasserpistole, die auch in Innenräumen benutzt werden kann, sagt eine Sprecherin der Migros. Bei Coop klingt es ähnlich. Beide Warenhäuser betonen, dass sie kein Kriegsspielzeug wie etwa Panzer im Angebot haben. Diese Argumente vermögen nicht alle zu überzeugen. «Es ist uns bewusst, dass viele Eltern diese Art von Spielwaren kritisch beurteilen», sagt die Migros-Sprecherin. Eine Strassenumfrage des Konsumentenmagazins «K-Tipp» zeigte, dass die grosse Mehrheit der Befragten Spielzeugwaffen unter dem Weihnachtsbaum «daneben» findet.

Dieser Meinung ist auch die Luzerner CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihren Kindern solche Geschenke unter den Christbaum zu legen. Glanzmann würde es begrüssen, wenn Läden Spielzeugwaffen aus dem Regal nehmen – gerade jetzt, nach Paris. Dafür brauche es aber keine neuen Gesetze. «Die Eigenverantwortung der Händler und vor allem der Eltern ist gefragt. Die Eltern sollen ihre Kinder beim Spiel am Computer oder mit Spielzeugwaffen beaufsichtigen», sagt Glanzmann.

Auch der Spielforscher und Professor an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, Bernard Hauser, rät vom Spielzeuggewehr unter dem Weihnachtsbaum ab. «Die Plastikwaffen von Nerf haben einen höheren Realitätsgrad als ältere Waffen wie die klassische Chäpslipistole und könnten deshalb nachfolgend zu mehr echter Gewalt führen.» Das sei aber noch kaum erforscht. «Trotz der bunten Farben wirken sie wie echte automatische Waffen», sagt er.

Im Vergleich zu Computerspielen seien sie aber harmlos. In den Spielen sieht Hauser eine echte Gefahr. «In der Wissenschaft gibt es eine grosse Debatte: Man kann zwar nicht nachweisen, dass Computerspiele zu mehr echter Gewalt führen. Es ist aber bekannt, dass Schulattentäter in der Regel vorher extensiv gewalttätige Computergames spielten.» Hauser rechnet damit, dass bald bekannt werden wird, dass auch die Mehrheit islamistischer Attentäter gewalttätige Games – zum Beispiel Egoshooter wie «Medal of Honor» – gespielt habe.

Gewalttätige Computerspiele stehen ebenfalls in den Regalen vieler Warenhäuser. Hier verweisen die Händler auf die Alterszulassungen. Diese würden aber häufig missachtet, sagt Spieleforscher Hauser. «Ältere Geschwister geben die Spiele an die jüngeren weiter.» Ihm berichten Lehrerinnen und Lehrer von Vätern, die Gewalt-Games mit ihren Kindern spielen. «Da können die Verkäufer nicht viel machen. Am besten wäre es, sie ganz aus dem Verkauf zu ziehen. Das aber würde sehr viel mehr Kontrolle und Überwachung erfordern.»

Während die Games nach wie vor eine Buben-Domäne sind, sind Plastikwaffen auch bei Mädchen beliebt. Unter der Linie «Nerf Rebelle» verkauft der US- Spielwarenriese Hasbro,auch Schaumstoffpfeil und Bogen – angelehnt an die Filmheldin aus der Hollywood-Trilogie «The Hunger Games».

Beantworten Sie dazu die Frage der Woche.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper