Der Gemeinderat von Riggisberg BE handelte rasch. Vier Tage nachdem der Kanton Bern um mehr Plätze für Asylsuchende gebeten hatte, erklärten sich die Dorfbehörden bereit, eine Unterkunft mit 150 Betten zu eröffnen. Sie nimmt nächste Woche ihren Betrieb auf. Es ist ein rarer Lichtblick: Landesweit suchen die Kantone in diesen Tagen nach Möglichkeiten, die steigende Zahl Asylbewerber unterzubringen.

Wie angespannt die Lage ist, zeigen neue Zahlen aus den Kantonen, welche die «Schweiz am Sonntag» erhoben hat. Die meisten kantonalen Unterkünfte sind voll belegt. In Luzern beträgt die Auslastung sogar 135 Prozent – und auch Solothurn ist mit 114 Prozent am Anschlag. «Wir müssen den Platzbedarf mit unterirdischen und provisorischen Lösungen abdecken», sagt David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn.

Mit Klappbetten in Kellern, Küchen und Freizeiträumen der Asylzentren versuchen die Asylkoordinatoren, die Flüchtlinge unterzubringen. Allein in den vergangenen vier Wochen hat der Bund den Kantonen 2000 neue Asylsuchende zugewiesen – ein Höchstwert. Verteilt werden sie nach der Einwohnerzahl. Doch nun schlagen die Kantone Alarm: Insgesamt fehlen Hunderte Asylplätze. Am meisten Betten suchen die Kantone Aargau (300), Solothurn (120) und St. Gallen (100).

Zum Problem wird auch der in vielen Gegenden ausgetrocknete Wohnungsmarkt. Er verunmöglicht es den von den Behörden anerkannten und vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen in vielen Fällen, eine eigene Wohnung zu finden. So bleiben sie länger in den kantonalen Asylheimen, als sie eigentlich müssten. Deshalb appelliert etwa die Zuger Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard (Alternative/die Grünen) an die Bevölkerung: «Wer eine freie Wohnung oder ein Haus zur Verfügung stellen kann, soll sich melden.»

Die meisten Asylbewerber, die derzeit die Schweiz erreichen, stammen aus Syrien und Eritrea. Im ersten Halbjahr 2014 stellten sie 50 Prozent der Gesuche. Viele von ihnen werden tatsächlich als Kriegsflüchtlinge anerkannt oder vorläufig aufgenommen. Dies hat Folgen für das Schweizer Asylwesen. Kamen nach dem Arabischen Frühling hauptsächlich junge Arbeitsmigranten aus den Staaten Nordafrikas, sind es heute viele Familien, die dem Schrecken des syrischen Bürgerkriegs oder dem brutalen Militärregime in Eritrea entfliehen.

An Europas Südgrenze registriert man diese Entwicklung mit Sorge. Die italienische Marine fischt täglich Hunderte Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. «Viele dieser Menschen, die sich auf diese schrecklichen Boote wagen, kommen nicht auf der Suche nach Arbeit hierher», sagte der Generalstabschef der italienischen Streitkräfte, Luigi Binelli Mantelli, der Zeitung «La Stampa». «60 bis 70 Prozent von ihnen sind Männer, Frauen und Kinder, die vor dem Krieg flüchten.»

Fast drei Millionen Syrer haben das Land inzwischen verlassen. Die meisten suchen Zuflucht in den Nachbarländern. Doch jene, die sich nach Europa aufmachen, versuchen oft den Weg über Libyen, von wo aus sie die gefährliche Überfahrt nach Italien wagen. Die italienische Politik und Öffentlichkeit reagiert dabei zunehmend verzweifelt auf die mangelnde Unterstützung der EU.

Gerade einmal 89 Millionen Euro bezahlen die Mitgliedsstaaten in diesem Jahr an die gemeinsame EU-Grenzschutzbehörde Frontex. Das ist, wie das italienische Magazin «L’Espresso» vorrechnet, weniger, als libysche Schlepper allein in den vergangenen sechs Monaten mit Flüchtlingen verdient haben. Die Beiträge für Frontex wurden auch nicht erhöht, nachdem Regierungen von Paris bis Stockholm vergangenen Herbst lautstark das Bootsunglück vor Lampedusa beklagt hatten.

Die neuen Realitäten bestätigen auch die Verantwortlichen in der Schweiz. «Mehr als die Hälfte der Personen, die derzeit in Süditalien landen, stammen aus Ländern, in denen Krieg herrscht», sagt Eduard Gnesa, Sonderbotschafter für Migration. «Das war in den letzten Jahren noch anders.» Der Bund rechnet mit bis zu 24 000 Asylbewerbern bis Ende Jahr – und viele von ihnen werden bleiben.

Das stellt die Kantone vor zusätzliche Herausforderungen. «Wir müssen sofort mit der Integration dieser Menschen beginnen», sagt der Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP). Der Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren fordert: «Es braucht nun Sprachkurse und einen Effort in den Schulen.» Dabei zeigen sich erste Konflikte bereits in den kantonalen Asylzentren. Der Leiter des Nidwaldner Amts für Asyl und Flüchtlinge, Roger Dallago, stellt bei den Ankömmlingen aus Syrien eine «hohe Anspruchshaltung» fest. «Nicht zuletzt wegen ihrer traditionellen Rollenbilder fällt es vielen schwer, sich in das Leben in den Zentren zu integrieren und Arbeiten zu übernehmen.»

Auch die grüne Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli räumt ein, dass die Unterbringung der Flüchtlinge vor Ort nicht immer einfach sei. «Mir scheint trotzdem, dass die Bereitschaft der Schweiz, zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen, grösser sein könnte.» Wichtig sei aber, dass dies nicht «blauäugig und unvorbereitet» geschehe. Es brauche die Bereitschaft in der Bevölkerung und die nötige Infrastruktur. «Wenn beides nicht vorhanden ist», sagt Hochuli, «nützt die beste humanitäre Tradition nichts.»

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