Krach zwischen SBB-Chef und dem Bund

Vielschichtiges Zerwürfnis mit dem BAV: Andreas Meyer. Foto: Mathias Marx

Vielschichtiges Zerwürfnis mit dem BAV: Andreas Meyer. Foto: Mathias Marx

Ex-CVP-Generalsekretär Iwan Rickenbacher als Moderator.

Es war ein Auftritt der besonderen Art: SBB-Chef Andreas Meyer sprach am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag in Arlesheim BL über «Ringen um die richtigen Ziele», über «Persönliches und Leben von christlichen Werten». Es sind keine einfachen Zeiten für Meyer. Ein tödlicher Bahnunfall und eine endlose Pannenserie belasten ihn. In seiner Ansprache vor einem Monat reflektierte er öffentlich darüber.

Seither haben die negativen Schlagzeilen nicht abgerissen. Vergangene Woche machte die «SonntagsZeitung» eine Umfrage publik, die ergab, dass die Bahn von ihren Passagieren als «nicht dienstleistungsfreundlich und kundenorientiert» wahrgenommen wird. Davor gaben die SBB bekannt, dass nur noch 87,3 Prozent der Züge pünktlich unterwegs sind. Zu Proteststürmen hatte geführt, dass Passagiere mit falsch gelösten Billetten ruckzuck gebüsst wurden. Zähneknirschend musste der SBB-Chef zu einer kulanteren Praxis wechseln.

Meyer kämpft an mehreren Fronten. Auch an der politischen: Mit seiner Ansprechperson beim Bund, dem 100-prozentigen Eigentümer der SBB, versteht er sich nicht. Die Abneigung ist gegenseitig. Einmal soll Peter Füglistaler, Direktor des Bundesamts für Verkehr (BAV), entnervt aus einer Sitzung gelaufen sein. Füglistaler war von 1996 bis 2010 bei den SBB, grösstenteils unter dem damaligen CEO Benedikt Weibel.

Nur schon das scheint für Meyer ein Problem zu sein. Den Namen seines Vorgängers mag er nicht hören. Das verdeutlicht eine kleine Episode: Meyer wollte einmal als Geschenk das Buch mit den Pendler-Kolumnen von Bänz Friedli verteilen. Dann realisierte er, dass dieses ein Vorwort von Weibel enthält. Das Buch werde nur verteilt, wenn das Vorwort rauskomme, verlangte Meyer.

Das Zerwürfnis mit dem Bundesamt für Verkehr ist vielschichtig. BAV-Direktor Füglistaler ordnete gegen Meyers Willen eine Senkung der Bahnstrompreise an. Differenzen gibt es bei Planungsfragen, etwa beim Kestenberg-Tunnel. Und vor allem, wenns um die Sicherheit geht. Meyer sagte in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» unverblümt, dass das BAV keine zusätzlichen Investitionen in die Sicherheit habe bewilligen wollen.

Zu einem Eklat kam es vor zwei Monaten. Meyer hatte beim BAV um zusätzliche 80 Millionen Franken für die Instandhaltung des Schienennetzes gebeten. Dieses Begehren hielt man beim BAV so kurz vor der Abstimmung über den Fonds zur Finanzierung und zum Ausbau der Bahninfrastruktur (Fabi) für ungeschickt und wischte es vom Tisch. BAV-Direktor Füglistaler liess im Antwortschreiben kein gutes Haar an den Bundesbahnen: Der SBB-Netzzustandsbericht 2012 sei «nicht adäquat», und in der Division Infrastruktur gebe es «Probleme bei der Budgetierung», zitierte die «Nordwestschweiz» aus dem Brief.

Die Vorfälle mit dem BAV frustrieren Andreas Meyer, heisst es aus seinem Umfeld. Wenn ein Unfall passiere, stehe schliesslich er am Pranger – und nicht das BAV. Um die Beziehungen zum Bund zu verbessern, setzt Meyer auf CVP-Netzwerker, die CVP-Verkehrsministerin Doris Leuthard bestens kennen: Meyer holte die frühere CVP-Nationalrätin Kathrin Amacker als Kommunikationschefin von der Swisscom zur SBB. Amacker wiederum engagierte PR-Profi Victor Schmid von der Zürcher Agentur Hirzel.Neef.Schmid Konsulenten, die als das bestvernetzte und auch teuerste PR-Büro im Land gilt.

Schmid ist zwar selber FDP-Mitglied, aber vor allem im CVP-Establishment vernetzt; er war einst Berater von CVP-Bundesrat Flavio Cotti. Schmids Agentur biete Doris Leuthard als Rednerin zur Abstimmung über die Autobahnvignette an, berichtete das «St. Galler Tagblatt».

Auch der Kommunikationsberater und Ex-CVP-Generalsekretär Iwan Rickenbacher bekommt einen Auftrag: Er moderiert Mitte November einen «Workshop» der SBB-Konzernleitung und der BAV-Direktion. SBB-Präsident Ulrich Gygi hält den Beizug eines Externen nicht für aussergewöhnlich: Man habe bloss eine «neutrale Gesprächsleitung» gesucht. «Wenn Fabi beschlossen wird, gibt es ein neues Gesetz», sagt Gygi. «Dabei schauen wir die Arbeitsteilung zwischen BAV und SBB neu an.»

Seinen obersten Angestellten nimmt Gygi in Schutz. Andreas Meyer war wiederholt für seinen «Kontrollwahn» und seinen forschen Führungsstil kritisiert worden; anfänglich kam es im Top-Kader zu vielen Abgängen. Gygi: «Andreas Meyer ist fordernd, und das ist gut. Er packt auch die unangenehmen Themen offensiv an.»

Von inniger Freundschaft zwischen Gygi und Meyer kann dennoch keine Rede sein. Zu unterschiedlich ticken die beiden. Dem CVP-nahen Meyer ist etwas unheimlich, dass mit Gygi und SBB-Verwaltungsrat Peter Siegenthaler zwei enge Freunde seines Vorgängers Benedikt Weibel im Aufsichtsgremium sitzen. Gygi und Siegenthaler sind wie Weibel SP-Mitglieder; die drei sind seit Jugendtagen befreundet. Mit Andrea Hämmerle sitzt ein dritter Sozialdemokrat im Verwaltungsrat. Weder er noch andere Verwaltungsräte dürfen sich zu den SBB äussern; es gibt eine Abmachung im Verwaltungsrat, dass nur Gygi spricht.

Kann der Knatsch mit dem Bund den Job von Meyer gefährden, der auch SBB-intern einige Kritiker hat? Entscheidend ist die Meinung des Verwaltungsrats. Präsident Gygi sagt klipp und klar: «Andreas Meyer ist völlig unbestritten.»

Nicht eingegriffen hat bis jetzt Verkehrsministerin Doris Leuthard. Es ist ungewiss, auf welche Seite sie sich schlagen würde, wenn es zur Eskalation käme. Leuthards Bande sind zu beiden Seiten eng: Ihr wichtiger Vertrauter, Departements-Generalsekretär Walter Thurnherr, ging mit BAV-Direktor Füglistaler in die Schule; alle drei stammen aus dem Freiamt. Für einen guten Draht zu den SBB wiederum sorgt deren CVP-Netzwerk. Mit Meyer selbst trifft sich Leuthard zwar regelmässig, zeigt aber gegen aussen Distanz. «Die Bundesrätin hofft, dass sich SBB und BAV zusammenraufen», sagt ein Insider. «Falls nicht, weiss sie, was zu tun wäre.»

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