Vor den Bars in Oerlikon kam es nach dem 2:0 Sieg der Serben zu Ausschreitungen. Die Polizei setzte Reizstoff und Gummischrot ein. Eine Woche danach zeugt nur noch ein kleiner Glasschaden in einem Barfenster von dem Vorfall. Die roten Kunstlederstühle vor dem serbischen «Café Bar Balkan» sind unter dem Vordach zusammengestellt. Slavi, Mitinhaber der Bar, war hier, als es zwischen den Fans knallte. Seit drei Jahren arbeite er in dieser Bar, sagt er. «Nie gab es Probleme zwischen Serben und Kosovaren. «Es sassen sogar kosovarische Gäste in unserer Bar, als es draussen losging.» Auf der anderen Strassenseite beim albanischen «Shisha Club Hanedan» klingt es ähnlich. Astrit, der Bruder des Barbesitzers, sagt: «Ich bewege mich seit dreieinhalb Jahren in dieser Umgebung, und nie ist etwas passiert.» Das Publikum in der Bar sei multikulti.

Serben prügeln sich mit Kosovaren. Der Balkankrieg liegt erst 16 Jahre zurück. Seit ein paar Wochen ist die Nachrichtenlage vor Ort wieder unruhig. In den letzten 14 Tagen mussten Versammlungen vom kosovarischen Parlament in Pristina mehrmals unterbrochen werden. Oppositionelle warfen Tränengas-Petarden in den Saal, um die Sitzungen zu blockieren. Auslöser des Konflikts ist ein Abkommen, das derzeit im Parlament diskutiert wird. Serbische Gemeinden im Norden des Kosovo sollen sich zu einem Verbund zusammenschliessen dürfen, der von Belgrad teilweise finanziert würde. Oppositionspolitiker aber wollen eine nationale Eigenständigkeit und keine Teilung des Kosovos.

Parallel zu diesen Ereignissen gehen auch in Serbien die Wogen hoch. Wolle das Land EU-Mitglied werden, müsse es Kosovo als eigenständigen Staat anerkennen, so die Forderung aus Brüssel. Dagegen sperrt sich der serbische Präsident Tomislav Nikolic. Er sagt, es werde zu einem Bürgerkrieg kommen, sollte Serbien Kosovo anerkennen. Dabei sorgt sich die serbische Bevölkerung mehr um die hohe Arbeitslosigkeit des Landes und um die niedrigen Renten, als um die Kosovo-Frage.

Wirkt sich der neu hochkochende Konflikt in den zwei Ländern auf die serbische und kosovarische Diaspora in der Schweiz aus? Dejan Mikic, Schweizer Ethnologe mit serbischen Wurzeln, macht bei den hiesigen Serben und Kosovaren dieselbe Beobachtung. In der Diaspora habe man oft ein verqueres, idealisierendes Bild von der früheren Heimat, da man diese zumeist nur aus den Ferien kenne. Wer zusätzlich Diskriminierung im hiesigen Alltag ausgesetzt sei, klammere sich noch stärker an seine Herkunft. «Oft sind diese Leute konservativer als ihre Landsleute vor Ort», sagt Mikic.

Wie bei jedem Fussballspiel könne die Stimmung unter diesen Voraussetzungen schnell kippen. Doch grundsätzlich hätten in der Schweiz lebende Serben und Kosovaren wenig Probleme miteinander, dies gelte insbesondere für die ältere Generation. Aber auch unter den Jungen gebe es wunderbare Freundschaften. «Die älteste und beste Freundin meiner Tochter ist beispielsweise Kosovarin», sagt Mikic. Im Alltag hätten Menschen aus dem früheren Jugoslawien regelmässig Kontakt miteinander. «Nur erfährt die Öffentlichkeit von den vielen Festen, Veranstaltungen oder Sportanlässen, die verbindend sind, kaum je etwas.»

Bekannte Exponenten der zweiten Generation mit serbischen oder kosovarischen Wurzeln reagieren genervt, wenn man sie auf den Konflikt zwischen Serben und Kosovaren anspricht. Alle sagen, das sei heute kein Problem mehr. Ihre Identifikation mit dem Herkunftsland ist unterschiedlich gross. Die Eltern von Erdin Shaqiri, 25-jähriger Bruder und Berater des Schweizer Fussballnati-Spielers Xherdan Shaqiri, stammen aus Kosovo. «Meine Wurzeln sind mir sehr wichtig. Auf meine Herkunft bin ich stolz», sagt Erdin. Die Mutter der Fernsehmoderatorin Gülsha Adilji ist Türkin und im Kosovo aufgewachsen. Ihr Vater wuchs als Albaner in Serbien auf. Sie selbst fühle sich nicht als Albanerin, sondern als Mensch mit albanischen Wurzeln. In ihrem Umfeld definiere man sich eher über den Balkan, nicht über die verschiedenen Länder. Der Youtube-Star Bendrit Bajra hat kosovarische Wurzeln. Er sieht sich als typischen Albaner mit BMW, Haargel-Frisur und Bomberjacke. «Doch mein Freundeskreis ist breit, und mir ist es nicht wichtig, woher die Menschen kommen.» Dass sich Serben und Kosovaren auf der Strasse verprügeln, habe er vor dem Vorfall in Oerlikon noch nie mitbekommen.

Der unter dem Namen «Milchmaa» bekannte Schweizer Rapper Goran Vulovic hat serbische Eltern. Er sei mit Albanern aufgewachsen und habe in seinem Alltag noch nie Probleme mit anderen Personen aus dem Balkan gehabt, sagt er. «Die Gemeinsamkeiten überwiegen. Schliesslich haben wir hier in der Schweiz alle dieselbe Realität.» Vulovic, der neben seinem Musikprojekt als Geschichtslehrer an einem Gymnasium unterrichtet, ist der Meinung, dass bei den Ausschreitungen in Oerlikon vorwiegend jüngere Fussballfans aus Unwissen gehandelt hätten. Mangelnde Bildung sei oft die Ursache, wenn Nationalismus in einer chauvinistischen Form auftrete.

Genaue Zahlen darüber, wie gross die serbische und kosovarische Bevölkerung in der Schweiz ist, gibt es nicht. Inzwischen wurden viele Serben und Kosovaren eingebürgert. Die zweite und dritte Generation besitzt ebenfalls den Schweizer Pass. In Studien wird die Zahl der Personen mit kosovarischem Hintergrund auf 150 000 bis 170 000 geschätzt. Diejenige der Personen mit serbischem Hintergrund auf 120 000 bis 130 000.

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