Sex sells, auch im Jahr 2014. Das zeigte diese Woche die neue Aids-Präventionskampagne. Explizite Fotos zeigen darin Laiendarsteller verschiedener sexueller Ausrichtung. Die Empörung über die «Love Life»-Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) ist in religiös-konservativen Kreisen gross. So gross, dass die Stiftung Zukunft CH, am Freitag Anzeige wegen Pornografie erstattet hat. Unterstützt wird sie von der EVP Schweiz.

Wenig diskutiert bleibt die zentrale Frage: Kommt die Botschaft bei der Bevölkerung an? Hilft die Kampagne, HIV-Ansteckungen zu vermeiden? Der Immunologe Beda Stadler verneint. «Diesbezüglich hinterlassen mich die Fotos komplett ratlos. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass die Message ‹Safer Sex› durch diese Kampagne besser rüberkommt.»

Die Bilder sind für Stadler zwar auf den ersten Blick ansprechend. «Da schaue ich gerne hin. Doch von der Wirkung her ist das Pornografie: Wenn ich diese Fotos anschaue, will ich doch einfach Sex.» Er glaubt deshalb nicht, dass durch diese Kampagne auch nur eine Person mehr ein Kondom benutzen wird. Hier wolle lediglich ein Amt seinen verstaubten Ruf loswerden und eine möglichst provokante Kampagne lancieren. «Gute Provokation aber regt zum Nachdenken über die Botschaft hinter den Bildern an. Das passiert hier nicht. Insofern hat die Kampagne ihr Ziel verfehlt», sagt Stadler.

Auch für Hermann Strittmatter, Chef der Werbeagentur GGK Zürich, ist die Wirkung der Kampagne nicht gegeben. «Die optisch sehr erotisierenden Bilder fordern die Bevölkerung zu mehr Geschlechtsverkehr auf, statt sie für den Gebrauch von Kondomen zu sensibilisieren.»

Ein Blick auf die Zahlen scheint diese Einschätzungen zu bestätigen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Zahl der neu diagnostizierten HIV-Ansteckungen in Europa pro 100 000 Einwohner für den Zeitraum 2006 bis 2012 ausgewertet. Das Ergebnis: In all diesen Jahren lag die Rate der Schweiz dabei deutlich über dem Durchschnitt der EU-Länder. 2012 etwa wurden in der Schweiz 8,1 Fälle mit HIV-Ansteckungen aufgeführt, in der EU waren es hingegen nur 5,8 Fälle. Immunologe Stadler sagt dazu: «Böse Zungen würden behaupten, dass dies ein ‹Erfolg› der BAG-Kampagnen ist. Vielleicht ist es aber auch der Preis einer offenen Gesellschaft, welche Minoritäten nicht unterdrückt.»

Trotzdem verzeichnen die Präventionsbemühungen Erfolge. Betrachtet man die Entwicklung der HIV-Zahlen in der Schweiz, entsteht ein anderes Bild. Im vergangenen Jahr wurden 575 Personen positiv auf HIV getestet. Das sind etwa sechsmal weniger als zu Beginn der Erhebungen Mitte der 80er-Jahre und knapp 30 Prozent weniger als noch im Jahr 2006. Die Zahlen bestätigen den seit 2009 langsam abnehmenden Trend – auch wenn sie 2012 einmalig angestiegen waren.

Soziologieprofessor Kurt Imhof hält die Kampagne bezüglich Wirkung denn auch für gelungen. Sie arbeite mit der heute allgegenwärtigen Bildsprache der Softpornografie. Das Publikum werde abgeholt, wenn Sex lustvoll dargestellt und mit dem Sicherheitsaspekt verknüpft sei. «Ob nur die Bilder konsumiert werden oder auch die Warnung ankommt, können nur empirische Erhebungen belegen. Ich glaube aber, die Botschaft kommt an», sagt Imhof.

Die Kampagne will laut Imhof daran erinnern, dass Aids noch immer lebensbedrohend ist. Heute locke ein als Sonne romantisiertes Kondom keinen Sittenpapst mehr hinter dem Ofen hervor. «Also muss man einen Schritt weitergehen: Die dargestellte nicht stilisierte Sexualität ist clever gewählt. Der damit verbundene Casting-Aufruf bedient den Narzissmus der Leute und sorgt dafür, dass sich die Kampagne auch über Social Media verbreitet.»

Beantworten Sie dazu die Frage der Woche.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper