Im Herbst dürften erstmals weniger als 50 Prozent der Stadtzürcher Bevölkerung einer Landeskirche angehören. In der grössten Stadt der Schweiz werden dann die katholische und reformierte Kirche keine Mehrheit mehr stellen. In anderen Grossstädten wurde die 50-Prozent-Marke bereits geknackt: in Basel schon Ende der 90er-Jahre, in Lausanne im vergangenen Jahr und in Genf vor wenigen Jahren. Nur in Bern sind noch über 60 Prozent mit dabei, aber auch in der Bundesstadt verliert die organisierte Religion rapide Anhänger. Die Mitgliederzahlen der Landeskirchen schrumpfen weder des Islams noch der Freikirchen wegen. Wer austritt, tritt in aller Regel nirgendwo anders bei.

Während bei der reformierten Kirche vor allem 25- bis 35-Jährige austreten, seien es bei den Katholiken Menschen aus allen Altersklassen, sagt Simon Spengler, Sprecher der katholischen Kirche Zürich. Ältere täten dies eher aus Enttäuschung, jüngere meist, weil sie den Bezug verloren oder nie gehabt hätten, Besserverdienende oft auch aus finanziellen Überlegungen.

Mindestens so schwerwiegend wie die Austritte sei die Tatsache, dass viele Eltern ihre Kinder gar nicht erst taufen liessen. «Es gibt leider eine schleichende Entchristlichung des sogenannten christlichen Abendlands», sagt Spengler.

Der Exodus trifft die Reformierten härter als die Katholiken. Von den zuwandernden Christen etwa aus Deutschland, Portugal oder Italien sind fast alle Katholiken. So haben sich denn auch in Zürich die Verhältnisse stark geändert. Heute bilden die Katholiken in der Stadt des Reformators Ulrich Zwingli die grösste Glaubensgemeinschaft. Damit der künftige Bischof näher am Puls der Gläubigen ist, reifen derzeit Ideen für einen Umzug des Bischofssitzes: weg von Chur, mitten in die grösste Stadt der Schweiz. «Es würde durchaus Sinn machen, wenn der Bischof dort wirkt, wo die meisten Gläubigen sind, beispielsweise in Zürich», sagt Willi Schmidlin, Präsident des katholischen Kirchgemeindeverbandes Obwalden. Auch bei der katholischen Landeskirche in Nidwalden finden derzeit ähnliche Überlegungen statt.

Die Errichtung eines Bistums Chur-Zürich mit einer Konkathedrale in der Stadt Zürich stand bereits 2006 einmal kurz vor einer Umsetzung. Allerdings versandete der Umzug damals. Das könnte jetzt anders sein. Joseph M. Bonnemain, Bischofsvikar im Bistum Chur, rechnet einem Standortwechsel des Bischofssitzes «gute Chancen» aus: «Die Zeit könnte reif für diese Veränderung sein.»

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