VON NADJA PASTEGA

In der geschlossenen Strafanstalt Thorberg BE sitzen Män-ner, die wegen Tötung, Raub oder Sittlichkeitsdelikten weggesperrt wurden. Unglaublich: Die Gewalttäter dürfen sich im Thorberg mit umstrittenen Computerspielen in der Zelle die Zeit vertreiben.

Dem «Sonntag» liegt die interne Weisung zur «Bewilligung für den Erwerb und Betrieb elektronischer Geräte» vor. Sie hält fest: «Nicht gestattet wird den Eingewiesenen der Besitz und Betrieb von Filmen, Computer- und Videospielen mit Klassierung 18+.» Zulässig sind hingegen CD-Computer-games mit einer tieferen Alterslimite. Klaus Emch, stellver-tretender Direktor der Strafanstalt Thorberg, bestätigt: «Spiele mit einer Altersangabe unter 18 Jahren sind er-laubt.»

Harmloser Zeitvertreib? Keineswegs. Das Killerspiel «Far Cry 2» zum Beispiel ist vom europäischen Bewertungssystem «Pegi», auf das man sich im Thorberg stützt, für 16-Jährige freigegeben. Es handelt sich um einen so genannten «Ego-Shooter»: Der Spieler räumt seine Gegner mit einem Brutalo-Arsenal von 28 tödlichen Waffen aus dem Weg – von der Pistole bis zum Flammenwerfer.

Virtuelles töten hinter Gittern – in der Strafanstalt Thorberg möglich. Aus Kapazitätsgründen, wie Vizedirektor Emch erklärt: «Wir können nicht jedes einzelne Spiel kontrollieren, ob es noch bewilligbar ist.»

Das gilt ebenso für die Justizvollzugsanstalt Lenzburg AG. Auch hier sitzen Gewalttäter ein. Direktor Marcel Ruf: «Erlaubt sind Spiele unter 18 Jahren, sofern sie nicht pornografische, rassistische oder ehrverletzende Inhalte haben.»

Doch die Kontrollen sind mangelhaft: «Jedes Spiel, das bereits vom ‹Pegi› und dem Jugendschutz freigegeben wurde, nochmals komplett durchzuspielen, würde den zeitlichen Rahmen sprengen», sagt Ruf.

Derzeit hätten 30 Insassen einen eigenen Computer in der Zelle, «etwa ein Drittel der PC-Besitzer spielt mehr oder weniger regelmässig Videospiele».

Fachleute sind alarmiert. Gewaltspiele im Gefängnis seien «speziell gefährlich», sagt Medienpsychologe und Virtual-Reality-Experte David Weibel von der Universität Bern. Leute mit Aggressionspotenzial und fehlender Empathie seien Risikogruppen: «Das trifft auf Straftäter besonders zu.»

Jetzt wollen Politiker den Ballergames in Gefängniszellen einen Riegel schieben. «Mit solchen Spielen kann man Gewalt trainieren», sagt die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim: «Die Insassen driften völlig ab in ihre Gewaltwelt.»

Auch der Berner SP-Grossrat Roland Näf will alle Killerspiele im Knast verbieten: «Bei Tätern mit psychischen Störungen haben Gewaltspiele einen massiv verstärkenden Effekt», so Näf: «Diese Spiele gehören nicht in die Hände von Strafgefangenen.»

Daniel H., der mutmassliche Mörder des Au-pair-Mädchens Lucie Trezzini, sass in Lenzburg ein und habe nach Angaben von Mitgefangenen stundenlang am PC gegamt. Näf: «Es gibt Computerspiele, die für 16-jährige zugelassen sind, wie ‹Call of Duty›. Hier kommen Messer zum Einsatz – wie bei Lucie.»

Marianne Heimoz, Direktorin des Frauengefängnisses Hindelbank, kennt die Gefahren: «Je länger jemand in der Zelle eingeschlossen ist, desto länger sitzt er am PC», so Heimoz. «Diese Leute schaffen sich eine künstliche Welt und driften völlig ab.»

Ende letzten Jahres hat Heimoz die interne Weisung für Hindelbank verschärft: Neu sind alle Ego-Shooter verboten – unabhängig von der Altersfreigabe.