Claude Dubois, im Jahr 2000 wegen Mord und Vergewaltigung zu einer lebenslangen Haft verurteilt, lebte zur Resozialisierung mit Fussfesseln in Freiheit. Das wurde der 19-jährigen Marie aus dem Kanton Freiburg zum Verhängnis. Letzte Woche zerrte Dubois sie ins Auto und tötete die junge Frau. Er wurde am Dienstag verhaftet. Die Leiche von Marie fand die Polizei einen Tag später im Wald.

«Solche gefährlichen Täter sollen keine zweite Chance erhalten und gehören lebenslänglich weggesperrt», meint SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Doch Fakt ist: 99 Prozent aller Täter haben eine begrenzte Freiheitsstrafe und stehen irgendwann wieder auf der Strasse. Den Ruf nach «nie mehr», der immer wieder nach einem Verbrechen durch einen rückfälligen Täter ertönt, halten Experten deshalb als unrealistisch.

Diesen Einwand lässt Andreas Werren, ehemaliger Chef des Zürcher Amtes für Justizvollzug, nicht gelten. «Ich gehe mit Frau Rickli einig, dass gemeingefährliche Straftäter keine zweite Chance erhalten sollten, rückfällig zu werden. Aber dies kann nicht mit lebenslänglich Wegsperren gelöst werden.» Der heute als Berater für Unternehmungsentwicklung tätige Werren weiss, wovon er spricht. 1993 hat er den Mord am Zollikerberg, bei dem ein Sexualstraftäter die junge Pasquale Brumann umbrachte, hautnah miterlebt. Im Fall der im Aargau ermordeten Lucie verfasste er 2009 einen Bericht.

Kurz vor dem Mord an Marie hielt Werren vor versammelter Strafvollzug-Prominenz einen bisher nicht publik gewordenen Vortrag. Darin fordert er ein gesamtschweizerisches Kompetenzzentrum und die Abschaffung der drei bestehenden Konkordate zugunsten eines einzigen. Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» konkretisiert Werren seine Vorschläge. Dabei übt er auch Kritik an der heutigen Praxis der Strafvollzugsbehörden und Kantone. Seine Vorschläge:

> Gefäss für Fehleranalysen: Es fehle ein Gremium, das sich seriös mit Fehleranalysen auseinandersetzt und aus Fällen wie dem Mord an Marie auseinandersetzt. Werren: «Wenn in einem Kanton etwas passiert, dann ducken sich alle. Im Fall Lucie hat später niemand im Aargau nachgefragt, was habt ihr daraus gelernt? Jeder schaut für sich. So war es auch im Fall Brumann vor 20 Jahren. Das ist das Drama.»

> Gesamtschweizerisches Konkordat: Heute gibt es drei Konkordate im Strafvollzug. Werren: «Sie verwenden teilweise andere Instrumente bei der Risikobeurteilung von Straftätern. Ein einziges Konkordat, das nach einheitlichen Standards und Kriterien arbeitet und beurteilt, könnte Fehler, wie jetzt wieder beim Mord in Freiburg passiert, verhindern helfen. Dieses Konkordat sollte ein Ort sein, in dem alle im Justizvollzug tätigen Gremien eingebunden sind.»

> Kompetenzzentrum: Schaffung eines schweizerischen Kompetenzzentrums für den Justizvollzug. Werren: «Dieses Zentrum hätte als Aufgabe über die Kantonsgrenze hinaus interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Dazu könnte zum Beispiel auch die Schulung der Richter gehören, damit diese nicht nur eine juristische Beurteilung vornehmen, sondern auch, wie man Gutachten interpretieren muss. Es wäre auch der Ort, wo man neue Themen entwickelt und Ideen diskutieren kann.»

Der ehemalige Chef des Zürcher Amtes für Justizvollzug ist überzeugt, dass «diese Massnahmen die Qualität im Strafvollzug, die Beurteilung von Straftätern und die Behebung von Fehlerquellen erheblich verbessern würden».

Dass er nach dem Mord an Marie mit seinen Vorschlägen offene Türen einrennt, daran glaubt er nicht. «Jeder Kanton denkt, wenn bei uns noch nichts passiert ist, kann unser System nicht so schlecht sein. Ein Irrglaube, wie der Fall in Freiburg zeigt», sagt Andreas Werren.

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