Von Von Amir Ali und Khusraw Mostafanejad*

Es ist der erste Freitag danach. Das erste Freitagsgebet in der Winterthurer An’Nur-Moschee, nachdem vor einer Woche einer ihrer Prediger auf dem Titelblatt des «SonntagsBlicks» landesweit an den Kiosken aushing, einen schwarzen Balken über den Augen. Überschrift: «Das ist der IS-Pate von Winterthur.»

Der Beginn des Mittagsgebets verzögert sich, die Gläubigen trudeln allmählich ein, alles Männer, die meisten rasiert, einige bärtig. Man kennt sich, begrüsst sich auf Arabisch, Albanisch, Deutsch. Die meisten sind Herren über 40, aber es sind auch einige Jüngere hier. Viele kommen in Arbeitskleidung, manche in Trainingsanzügen. Einige wenige ziehen sich um und begehen das Gebet im traditionellen Gewand.

Als die Freitagspredigt auf Arabisch beginnt, haben sich rund 80 Männer im Gebetsraum versammelt. Sie sitzen auf den Knien oder im Schneidersitz auf dem Boden und lauschen den Worten des Imams, die an diesem besonderen Freitag besonderes Gewicht haben. Es handelt sich nicht um den in «Weltwoche» und «SonntagsBlick» kritisierten Prediger, der laut Vereinspräsident Sahnoun als Aushilfe in der An’Nur-Moschee tätig ist. Und nicht umsonst widmet der ältere Mann mit weissem Bart seine Ausführungen der Ethik und dem Dschihad.

«Die Persönlichkeit des Menschen besteht aus zwei Teilen», beginnt der Imam, «dem inneren und dem äusseren». Viele Menschen, so der Prediger, zeigten gegen aussen ein schönes Gesicht. In ihnen drin aber sehe es anders aus. Das seien Betrüger: «Bei einem wahren Muslim muss der äussere Anschein mit seinen inneren Absichten übereinstimmen. Es reicht nicht, dass sich ein Muslim gegen aussen gut benimmt. Er muss in sich gut sein.»

Von aussen weist nichts darauf hin, dass sich in diesem schmucklosen Gebäude im Industriequartier Hegi eine Moschee befindet – wie bei jeder anderen Adresse wird man durch die Hausnummer fündig. An der Eingangstür hängt ein Plakat: der rote Abdruck einer Hand, die Abwehr signalisiert, dazu die Worte: Not in my Name, nicht in meinem Namen, mit dem sich Muslime vom Terrorismus distanzieren. Systematische Eingangskontrollen gibt es entgegen Medienberichten keine. «Wenn Leute kommen, die wir noch nie gesehen haben, sprechen wir sie an», sagt Atef Sahnoun, der Präsident des Vereins, der das Gebetshaus betreibt, später im Gespräch. Unbekannte Besucher würden dann aufgefordert, sich auszuweisen.

Der grosse Gebetsraum im Dachgeschoss ist mit schlichten Teppichen ausgelegt, in einer Ecke befindet sich ein Mihrab, eine Gebetsnische, die in Richtung Mekka weist. Am anderen Ende des Saals sieht man hinter einem Perlenvorhang eine kleine Cafeteria, daneben führt ein mit Linoleum ausgelegter Gang zum Bad, wo die Gläubigen vor dem Gebet die rituelle Waschung vollziehen. Neben dem Eingang stehen lange Gestelle für die Schuhe, daneben hängt eine Stellungnahme auf Deutsch, in der sich die Verantwortlichen der An’Nur-Moschee von den Anschlägen von Paris distanzieren. Hinter den Schuhgestellen steht eine Garderobe, an der traditionelle arabische Gewänder auf Bügeln hängen.

Im zweiten Teil der Predigt kommt der Imam auf den Dschihad zu sprechen, jenem religiösen Konzept, das neben der kriegerischen Komponente auch eine Art innere Perfektionierung des Glaubens für jeden einzelnen Muslim beinhaltet. Angesichts der Tatsache, dass Tausende europäische Jugendliche nach Syrien gezogen sind, um Soldaten des IS zu werden, erstaunt es nicht, dass der Prediger dieser abenteuerlichen Auslegung des Heiligen Kriegs eine klare Absage erteilt: «Für einen Muslim gibt es keinen Dschihad in einem anderen Land», führt der Imam aus. «Nur wenn ein Muslim in seinem Zuhause bedroht ist, hat er die Pflicht, sich und seine Mitgläubigen zu verteidigen.» Überhaupt habe der Dschihad mehr mit «guten Worten» zu tun als mit Krieg.

Mindestens sieben junge Leute aus dem Umfeld der An’Nur-Moschee sollen Medienberichten zufolge in den letzten Jahren nach Syrien gezogen sein und sich dort dem Islamischen Staat angeschlossen haben. Insbesondere Kriegsreporter Kurt Pelda legte in der «Weltwoche» Recherchen vor, denen zufolge der kritisierte Aushilfs-Imam Verbindungen zum IS unterhalte und junge Winterthurer radikalisiert und in den Kampf nach Syrien geschickt habe.

Als das gemeinsame Freitagsgebet beendet ist, richtet der Vereinspräsident das Wort an die Gemeinde, zuerst auf Arabisch, dann auf Deutsch. Es gebe Stimmen, die davor warnten, die Moschee weiterhin zu besuchen, sagt Atef Sahnoun, der seit Wochen und Monaten das Gesicht in die Kameras hält, Interviews gibt und seine Moschee erklärt. «Bleibt ruhig in dieser schwierigen Situation», mahnt er. «Nicht alles, was in den Zeitungen steht, ist wahr.»

Von den Medien, die seinen Imam kritisiert und als «IS-Paten» bezeichnet haben, zeigt sich Sahnoun später im telefonischen Gespräch enttäuscht. Pelda habe weder ihn noch den Imam vor der Veröffentlichung mit den Vorwürfen konfrontiert. Und auf seine zwei Anrufe und auf die Combox gesprochenen Einladungen zum Gespräch habe der Kriegsreporter nicht reagiert, so Sahnoun. Pelda leitet auf Anfrage ein SMS vom 20. November – einen Tag nach der Veröffentlichung der «Weltwoche»-Titelgeschichte – weiter, in der er sich Sahnoun gegenüber zu einem Gespräch bereit erklärt.

Gefragt, was denn an den Berichten wahr sei, sagt Atef Sahnoun: «Es sind Leute aus Winterthur nach Syrien gereist. Und es ist möglich, dass sie hier verkehrt haben.» Radikalisiert worden seien sie jedoch mit Sicherheit nicht in der An’Nur-Moschee. Die Moschee sei klein, da bekomme man alles mit, und der Imam sei ausdrücklich Ansprechpartner für die jungen Gläubigen, «damit sie die Antworten auf ihre offenen Fragen nicht im Internet suchen müssen». Im Gegenteil: «Wir haben zwei Jungs davon abgehalten, in den Krieg zu ziehen, nachdem ihre Familien uns kontaktiert haben.»

Die beiden Prediger der Moschee seien Männer, «die wir schon lange kennen». Es stehe deshalb ausser Frage, dass der kritisierte Imam nun abgesetzt werde: «Er bleibt», sagt Vereinspräsident Sahnoun. «Wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

* Amir Ali ist Journalist beim Magazin «Surprise». Khusraw Mostafanejad ist kurdischer Journalist, Experte für Islamismus und lebt in der Schweiz.

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