Nach monatelangem Patt stand im Dezember eine neue Regierung. Eine «Regierung des Stillstands» aber, wie die «Süddeutsche Zeitung» sie bezeichnet. Kurz darauf begann die Massenauswanderung.

Wie viele Migranten sich bereits auf den Weg gemacht haben, weiss niemand. Bis zum Donnerstag registrierten allein die Behörden in Deutschland mehr als 18 000 Menschen aus dem Kosovo. Sie reisten via Budapest und Wien nach München. Inzwischen bilden sie die mit Abstand grösste Gruppe unter den Asylbewerbern. In Deutschland vergleicht man die Situation im Kosovo mit der ehemaligen DDR. «Als die DDR noch existierte, hat man es Abstimmung mit den Füssen genannt», schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Die Menschen hätten das Land zu Tausenden verlassen. «Das passiert nun auch in Kosovo.»

Und die Schweiz? Wie stark ist sie betroffen vom Exodus im Kosovo? Immerhin hat sie eine besonders grosse kosovo-albanische Diaspora. Auf rund 200 000 werden die Personen albanischer Abstammung geschätzt, die in der Schweiz leben, inklusive Eingebürgerter und Doppelbürger. Damit gehören die Albaner nebst Italienern (292 000), Deutschen (284 000) und Portugiesen (238 000) zu den grössten Ausländergruppen.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) verfolge die Entwicklung «mit hoher Aufmerksamkeit», sagt Martin Reichlin, stellvertretender Kommunikationschef. Obwohl das SEM «nicht von einem wesentlichen weiteren Anstieg» ausgehe.

Das Staatssekretariat hat natürlich registriert, dass Ungarn, Deutschland und Österreich einen Zustrom kosovarischer Asylbewerber verzeichnen. Der Blick auf die Schweizer Asylstatistik der letzten 37 Monate zeigt aber, dass nur gerade in zwei Monaten über 100 Asylbewerber aus dem Kosovo kamen: im September 2012 (103 Bewerber) – und im Januar 2015 (112 Bewerber). Damit stieg die Zahl der Asylbewerber gegenüber dem Dezember um 75 Prozent.

Der Unterschied der Situation in der Schweiz zu Deutschland und Österreich scheint im sogenannten 48-Stunden-Verfahren zu liegen. Das SEM führte es im August 2012 ein. Asylgesuche aus den visumbefreiten europäischen Staaten Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina werden seither innerhalb von 48 Stunden entschieden. Seit dem 25. März 2013 wird das 48-Stunden-Verfahren auch auf Asylsuchende aus Kosovo und Georgien angewandt.

Diese Schnellverfahren und die tiefe Anerkennungsquote, die 2014 nur gerade 2,8 Prozent betrug, seien der Grund, weshalb in der Schweiz im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten «nur wenige Personen aus dem Kosovo ein Asylgesuch stellen», sagt Reichlin. «Eine signifikante Zunahme von Visumgesuchen in Pristina kann das SEM derzeit nicht ausmachen.»

Damit wird die Schweiz zum Vorbild für Deutschland. Die CSU forderte in einer Beschlussvorlage für ihre Klausur in Wildbad Kreuth Schnellverfahren bei Asylanträgen. In Deutschland würden Asylverfahren «im Schnitt immer noch deutlich länger» dauern als in den Nachbarstaaten, heisst es im CSU-Papier, wie die «Süddeutsche Zeitung» schrieb. Die Landesgruppe empfehle deshalb, sich an den Erfahrungen anderer Länder wie der Schweiz zu orientieren. Schnelle Verfahren wie in der Schweiz würden nicht nur die Akzeptanz der Asyl-Entscheidungen fördern, «sondern auch zu einer besseren Mitwirkung der Asylbewerber als bisher beitragen».

Schweizer Parlamentarier bezweifeln aber, dass der Exodus die Schweiz tatsächlich nicht tangiert. «Die Diaspora in der Schweiz ist ausserordentlich gross und die Zuwanderungsmöglichkeiten vom Kosovo in die Schweiz sind gut und vielseitig», sagt SVP-Nationalrat Heinz Brand. «Ich vermute, dass die Zahl der Illegalen im Steigen begriffen ist. Nur die Dummen stellen wegen der 48-Stunden-Regel noch ein Asylgesuch.» Brand weiter: «Es ist zu hoffen, dass es der Bund schafft, den Damm im Zusammenhang mit der Situation im Kosovo zu halten.»

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