Zwischen 20 und 30 Wölfe leben derzeit in der Schweiz. Die meisten sind junge Männchen, die als Einzelgänger durch Wälder und Wiesen streifen. Zwei Rudel mit Jungtieren sind zudem im Kanton Tessin und Graubünden heimisch.

Obwohl es bisher zu keiner gefährlichen Situation für Menschen gekommen ist, stufen die Behörden das Verhalten einiger Wolfskinder des Calanda-Rudels als «problematisch» ein. Sie seien «zusehends frecher» und würden «sich näher an die Siedlungen heranwagen». Daher sollen bis Ende März zwei junge Wölfe geschossen werden. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat dem Gesuch der Kantone St. Gallen und Graubünden dafür stattgegeben. Das Rudel soll dadurch wieder «scheuer werden».

Gezielt junge Wölfe schiessen, hat in der Schweiz neu System. Das Bafu hat diese Woche das revidierte Wolfs-Konzept in Kraft gesetzt. Dieses regelt anhand eines Schemas, wann Wölfe oder wenig scheue Jungwölfe abgeschossen werden dürfen. Anhand einer Tabelle werden sämtliche Begegnungen mit dem Grossraubtier in «unbedenklich», «auffällig», «unerwünscht» und «problematisch» eingestuft. Pro Natura und der WWF Schweiz üben Kritik. Mit der Tabelle werde natürliches Wolfsverhalten vorschnell als gefährlich interpretiert und es rechtfertige unnötige Abschüsse der geschützten Tiere. Ebenso sei der Erfolg der tödlichen Erziehungsmethode wissenschaftlich nicht erwiesen.

Hinzu kommt: Auch Übergriffe auf Nutztiere wie Schafe oder Ziegen nehmen durch Abschüsse kaum ab. Im Gegenteil. «Eine Politik, welche den Eingriff in die Wolfsbestände schnell zulässt, birgt Risiken für die Nutztierhaltung», sagt Gabor von Bethlenfalvy, Verantwortlicher für den Bereich Grossraubtiere beim WWF. So zeigt eine aktuelle Studie aus Montana und Wyoming im Nordwesten der USA, dass für jeden getöteten Wolf die Nutztier-Risse um 4 bis 6 Prozent zunehmen. «Beim Verlust eines Rudelmitglieds wird der Jagderfolg des gesamten Rudels verringert. Daher sucht sich dieses vermehrt einfachere Beute – häufig Nutztiere», sagt von Bethlenfalvy. Somit sei die Rudelstabilität nebst dem Herdenschutz einer der wichtigsten Faktoren, um Übergriffe auf Schafe und Ziegen tief zu halten.

Auf Nutztier-Jagd gehen Wölfe vor allem während der Sömmerung. 250 000 Schafe und 30 000 Ziegen gehen jährlich z’Alp. Rund 2 Prozent, also 5600, kommen um, in erster Linie wegen Krankheiten. Von Wölfen gerissen werden «nur» zwischen 100 und 400. Dies zeigt eine gemeinsame Untersuchung der Umweltverbände mit dem Schafzuchtverband.

«Bevorzugt jagen Wölfe in der Schweiz Hirsche, Rehe und Gämsen», sagt Mirjam Ballmer von Pro Natura. Mehrheitlich greifen sie schwächere Tiere an. «Auf diese Weise helfen sie, das Wild in einem guten Gesundheitszustand zu halten.» Das Calanda-Rudel erlegt gemäss Jagdverwaltung rund einen Hirsch pro Woche. Zum Vergleich: 33 000 Hirsche leben in der Schweiz. Jäger schiessen rund 10 000 pro Jahr.

Angriffe auf Menschen sind extrem selten. Die wenigen belegten Attacken in Europa hatten meist mit Tollwut zu tun. Die Krankheit ist hierzulande jedoch ausgerottet. Bei Begegnungen mit einem Wolf sollte man sich daher verhalten wie bei jedem anderen Wildtier: ruhig.

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