Von Christoph Bernet

Auf der Schiessanlage Härdli in Spreitenbach AG roch es gestern nach Pulverdampf und Bratwurst. Gewehrschüsse hallten durch die Luft. Bruno Fackler kann zufrieden sein: Mit einem Sturmgewehr 90 der Armee schoss der 16-jährige angehende Schreinerlehrling am diesjährigen Eidgenössischen Feldschiessen (EFS) über 53 Punkte – ein Kranzresultat. Fackler trat letztes Jahr als Quereinsteiger in den Schiessverein Spreitenbach ein. Damit ist er einer der landesweit rund 125 000 EFS-Teilnehmer an diesem Wochenende – und nicht der einzige Teenager, der sich erstmals mit einer von der Armee gestellten Waffe unter die Schützenschar mischt: «Es gibt eindeutig wieder mehr Jungschützen», sagt Walter Brändli vom Schweizer Schiesssportverband SSV.

Tatsächlich ist laut Armeesprecher Walter Frik die Teilnehmerzahl bei Jungschützenkursen 2016 gegenüber dem Vorjahr um fast 50 Prozent gestiegen. Die Armee habe den Schützenvereinen heuer über 10 800 Waffen zur Verfügung gestellt – 3300 mehr als 2015.

Damit zahlt sich das Lobbying der Schützenverbände beim Bundesrat aus: Dieser entschied, per Anfang Jahr das Mindestalter für Teilnehmende an Jungschützenkursen von 17 auf 15 Jahre zu senken. In diesen Kursen wird mit Ordonnanzwaffen geschossen, welche die Armee zur Verfügung stellt. Kritiker sprachen im letzten Herbst von verschwendeten Steuergeldern und zweifelten, ob es für die Kurse überhaupt ein Bedürfnis gebe.

GSoA bleibt gelassen
Dieses ist offensichtlich vorhanden. Einen Teil des Wachstums machen die Nachwuchsschützen aus. Wer in seinem Verein ab dem Alter von 10 mit Luftgewehr, Sportpistole oder Kleinkalibergewehr am Üben war, wechselt nun bereits mit 15 in die Jungschützenkurse. Aber auch zahlreiche Neueinsteiger fühlten sich angesprochen, sagt Kaspar Jaun vom Berner Schiesssportverband: «Mit 15 lassen sich Jugendliche einfacher für den Schiesssport begeistern als mit 17.» Dann hätten sich viele schon für eine andere Sportart entschieden. Die neue Lust an der Waffe bringt Jo Lang, Vorstandsmitglied der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), nicht aus der Ruhe. Dass dieselben Kreise, die das Stimmrechtsalter mit 16 Jahren ablehnten, nun Jugendliche ab 15 mit Armeewaffen schiessen lassen, sei stossend. Eine ideologische Rückbesinnung auf die Zeiten des Kalten Krieges sei mit dem Zuwachs aber nicht verbunden. Das Schiesswesen in den Vereinen sei in erster Linie ein Sport. Lang war mit 14 der jüngste Präsident des Flobert-Schützenvereins in seinem Heimatort: «Trotzdem ist aus mir etwas Linkes geworden», sagt der Alt-Nationalrat der Grünen schmunzelnd.

Goldene Zeiten vorbei?
Ob der jüngste Aufwärtstrend die goldenen Zeiten des Schiesssports zurückbringt, ist unklar. 1993 hatten noch über 230 000 Schützen am EFS teilgenommen. Seither verlor der Anlass rund 40 Prozent der Teilnehmer. Offen bleibt, ob das geflügelte Wort aus dem Kalten Krieg wieder Gültigkeit erhält: «Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee.» Mit der ersten Hälfte des Ausspruchs könnte auch Lang gut leben.

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