Man muss schon ziemlich gut weghören, um die politische Botschaft der Jugend nicht zu hören. Was sich am vergangenen Wochenende in der Stadt Bern in einer Massendemonstration entlud, ist der Frust über immer mehr Vorschriften, Reglemente, Bewilligungspflichten – nicht nur im Nachtleben, sondern im Leben überhaupt. Man könnte die Forderungen in einem einfachen Slogan zusammenfassen: «Mehr Freiheit, weniger Staat». Für die Jugendlichen ist das Recht auf Party das Recht auf Freiheit. «Tanz dich frei» lautete deshalb auch das Motto der Berner Tanz-Demonstration. Hätten die Jugendlichen Steine werfen sollen, um ernst genommen zu werden?

Erstaunlich, dass ausgerechnet bürgerlich gesinnte Politiker und Kommentatoren, die mehr Freiheit und weniger Staat sonst immer propagieren, die Forderungen der Jugend partout nicht verstehen wollen. Erstaunlich ist dies umso mehr, als dass die jungen Leute – nicht nur in Bern, sondern auch in anderen Schweizer Städten – gegen zumeist rot-grün dominierte Stadtregierungen auf die Strasse gehen, die ihre eigenen politischen Slogans kreieren. In Zürich zum Beispiel: «Erlaubt ist, was nicht stört». In einen watteweichen Satz verpackte sozialdemokratische Repression.

Erstmals zeigt «Der Sonntag» in einer Übersicht die Problemzonen der jugendlichen Partygänger und Partymacher in den wichtigsten Deutschschweizer Städten. Dabei fällt auf, dass die Konflikte lokal unterschiedliche Gründe haben. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. In allen Städten, vielleicht mit Ausnahme von Chur, wurde das Nachtleben liberalisiert. Polizeistunden wurden abgeschafft oder existieren nur auf dem Papier. Doch mit der Liberalisierung kam auch die Kommerzialisierung – und die Repression.

Seit die Stadt Bern 2001 einen Wegweisungsartikel eingeführt hat, kommt kein Polizeireglement mehr ohne aus. Was in Bern als Waffe gegen Randständige und Drogenabhängige gedacht war, richtete die sozialdemokratische Polizeidirektorin in Luzern 2009 bereits ganz gezielt auf «Jugendgruppen» im öffentlichen Raum. Jugendpolizeien wie in Bern die Pinto («Prävention, Intervention, Toleranz») oder in Zürich die SIP («Sicherheit, Intervention, Prävention») entstanden, die es auch auf jugendliche Alkoholkonsumenten und Kiffer abgesehen haben. Zur Repressionswelle gesellen sich jedoch noch weitere Faktoren, die Jugendlichen in den Schweizer Städten zunehmend das Leben schwer machen:

Die Städte sind enger geworden. Es ist noch nicht lange her, da sprach man von einer Stadtflucht: Günstiger Wohnraum und steigende Mobilität liessen die Bewohner der Kernstädte in die Agglomeration ziehen. Die Einwohnerzahlen der grossen Schweizer Städte sanken. Inzwischen hat der Trend gekehrt: In Zürich schätzen die Behörden, dass im Jahr 2025 bis zu 468 200 Menschen in der Stadt leben könnten – das wären rund 78 000 mehr als heute. Auch Basel rechnet für 2035 mit bis zu 22 000 zusätzlichen Einwohnern.

Anders als in früheren Zeiten waren es in den vergangenen Jahren auch kaufkräftigere Schichten, die den Weg in die Städte suchten – Leute, die sich vom urbanen Milieu angezogen fühlten. Um Wohnraum für diese Klientel zu schaffen, wurden einstige Industriebrachen in moderne Stadtquartiere umgewandelt. Meist geht diese städtebauliche Aufwertung einher mit dem Verlust an Freiräumen. Und verstanden sich die neuen Stadtbewohner vielleicht früher selbst einmal als bewegt, so sind sie heute linke Spiesser.

Die grösseren Städte leisten eine Zentrumsfunktion für die vielen Agglomerationsgemeinden, die ihre Jugendlichen durch repressive Vorschriften vertreiben. Gemeinden wie Gossau SG kennen regelrechte Ausgehverbote: Schüler dürfen dort nach 23 Uhr nur noch in Begleitung von Erwachsenen unterwegs sein. Andere Gemeinden betreiben auf ihrem Gebiet spezielle Geräte, die herumlungernde Jugendliche mit Hochfrequenztönen verscheuchen.

Die Kommerzialisierung hat das Nachtleben und den öffentlichen Raum verändert: Klubs und Bars sind teurer geworden, doch Alternativen für die Jugendlichen fehlen. Die Behörden sind mit Bewilligungen für öffentliche Veranstaltungen vor allem dann grosszügig, wenn es um gewinnorientierte Anlässe geht – die Erinnerungen an die Euro 08 sind noch frisch.

Die Politik reagiert auf die jüngsten Jugendproteste, wie sie das immer tut: Sie setzt eine Arbeitsgruppe ein. Diesmal ist es der Städteverband, der zu diesem Instrument greift. Die betroffenen Städte sollen in der Gruppe ihre Erfahrungen austauschen können, sagt Verbandsdirektorin Renate Amstutz. «Ich erhoffe mir, dass daraus Empfehlungen entstehen.» Der gemeine Jugendliche reagiert darauf, wie er immer auf Politik reagiert: mit einem Gähnen.

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