Mario Friso meldet sich am Mittwoch aus der Zimmerstunde. Es folgen mehrere Telefonate und ein E-Mail-Verkehr mit dem Koch. Friso gibt sich lammfromm. Es sei ihm «unangenehm», im Zusammenhang mit den mindestens zehn Morden der rechten Terror-Zelle genannt zu werden: «Das ist ein krankes Theater. Ich habe die Mörder nicht gekannt.» Er sei lediglich zu einem Vortrag nach Zwickau eingeladen worden, den er «genauso gut auch in Holland oder sonst wo hätte halten können».

Friso: «Ich wüsste nicht, weshalb ich die Reise bedauern sollte.» Die Mordserie bezeichnet er als «Tragödie». Seine eigenen Ziele wolle er «nicht mit Gewalt erreichen». Ein ursprünglich vereinbartes Interview lässt er angeblich auf Anraten seines Anwalts platzen. Der ehemalige Pressesprecher der Partei National Orientierter Schweizer (Pnos) ist tiefer in der Thüringer Neonazi-Szene verstrickt, als er zugeben will. Das zeigen weitere Recherchen.

«Der Sonntag» hatte enthüllt, dass Friso am 26. Oktober 2008 in Zwickau als Redner auftrat – eingeladen vom Ortsverband der NPD und dem «Freien Netz Zwickau». In diesen Sammelbecken rechtsextremer Organisationen fanden die drei Mörder von Zwickau auch ihre Vertrauten. Darunter Andre Kapke und Daniel Peschek. Die beiden NPD-Kader waren mit dem Mörder-Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundhals befreundet. Während Zschäpe inhaftiert ist, erschossen sich Böhnhardt und Mundhals vor einer Verhaftung. Am Freitag erhielt Kapke als möglicher Unterstützer der Zwickauer Zelle vom Landeskriminalamt eine Vorladung.

Jetzt kommt aus: Kapke und Peschek standen mit Friso in regelmässigem Kontakt. Peschek war Mitorganisator des «2. nationalen Gesprächskreises», an dem Friso in Zwickau auftrat. Der Schweizer Neonazi führte auch ein Interview mit Kapke für die rechtsextreme Internetseite volksfront-medien.org. «Sei gegrüsst, André», beginnt das Gespräch vom 25. September 2008 und führt den Organisator des jährlichen Neonazi-Treffens «Fest der Völker» in Jena wie folgt ein: «Dein Name tritt ja oft in Erscheinung, wenn Sicherheitskräfte in Jena Hochbetrieb haben.»

Das ist untertrieben, gilt Kapke doch als Mann fürs Grobe, der mit Eisenstangen gegen Antifa-Aktivisten vorging und wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde. In dem Interview sieht sich Kapke als Sprachrohr derer, «die eben eigentlich gar nicht mehr wählen gehen wollen, weil sie keine Alternative erkennen».

Ähnliche Gespräche führte Friso am 14. September 2008 mit Thomas Gerlach vom Kampfbund Deutscher Sozialisten und rund einen Monat später mit NPD-Stadtrat Peter Klose. Friso gratulierte Klose auch auf seiner unterdessen gesperrten Internetseite nb-oberland.ch («Unser Freund und Kampfgefährte aus Zwickau»). Gerlach und Klose werden ebenfalls als Unterstützer des Mörder-Trios genannt.

Die braune Achse Friso–Kapke–Peschek--Gerlach-Klose macht den deutschen Extremismus-Experten Rolf Tophoven hellhörig: «Für mich ist völlig klar, dass sich die deutschen Behörden dafür interessieren werden. Wir müssen bei der Zwickauer Zelle davon ausgehen, dass es sich um ein Netzwerk mit punktuell operierenden Kriminellen handelt.»

Was wusste Friso? Diese Frage stellt sich auch der Aargauer und Szenekenner Heinz Kaiser: «Meine Einschätzung ist, dass die Beziehungen zwischen Schweizer Neonazis wie Friso und deutschen Rechtsextremen, insbesondere im Osten, viel enger sind, als bisher angenommen wurde.» Davon zeugen auch Fotos von Friso, die noch kurz vor dem Auffliegen der Terror-Zelle auf rechtsradikalen Portalen zu finden sind. Trotzdem behauptet der Ex-Pnos-Pressesprecher heute: «Ich habe mich vor über zwei Jahren von der Szene losgesagt.»

Der Berliner Extremismus-Experte Hans-Gerd Jaschke ist überzeugt, dass Friso in Deutschland zum Thema wird: «Ich gehe davon aus, dass die deutschen Ermittler im vorliegenden Fall bei Bekanntwerden konkreter Kontakte ins Ausland, zum Beispiel in die Schweiz, diesen Hinweisen nachgehen werden.» Jaschke, der Politologie lehrt und das Thema Rechtsextremismus als Forschungsschwerpunkt hat, sagt: «Die militante rechtsextreme Szene in Deutschland ist international vernetzt, man denke etwa an die Blood-&-Honour-Bewegung, die in Deutschland verboten ist.» Dazu gehören enge Kontakte in die Schweiz, wie sich jetzt zeigt.

Derweil will der arg unter Druck geratene Schweizer Nachrichtendienst des Bundes die Frage nicht beantworten, ob der neue Jahresbericht diese Kontakte näher als bisher beleuchtet. NDB-Sprecher Felix Endrich weist lediglich auf die «regelmässigen Kontakte mit ausländischen Partnerdiensten» hin. Endrich: «Sie können davon ausgehen, dass diese Kontakte auch im Fall der deutschen Rechtsextremen funktionieren.» Frisos Rolle muss dabei erst noch ganz ausgeleuchtet werden.

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