VON CLAUDIA MARINKA

Der 12-jährige Reto wird von zwei Mitschülern an einem Baum aufgehängt – er kommt zum Glück mit einer Kehlkopfquetschung davon. Der lebensbedrohliche Vorfall von Möriken-Wildegg AG schreckt die Eltern auf.

Offenbar wurde der Bub gemobbt. Und Mobbing ist an Schulen ein gravierendes Problem, das nun erstmals mit Zahlen belegt werden kann. Eine noch unveröffentlichte Befragung von insgesamt 2981 Schülern in der ganzen Schweiz zeigt:

8 Prozent fühlen sich sexuell belästigt und 6 Prozent werden erpresst – dies einmal oder öfter pro Monat.

17 Prozent geben an, dass Schulkollegen ihre Sachen kaputt machen.

22 Prozent der Schüler werden einmal im Monat oder häufiger geschlagen.

23 Prozent fühlen sich ausgeschlossen.

Dies ergab eine detaillierte Befragung zwischen 2001 und 2006. Das Fazit der Studie: Jedes zwanzigste Kind wird Opfer von Mobbing. «Von Mobbing wird gesprochen, wenn jemand systematisch und über einen längeren Zeitraum den Aggressionen einer oder mehrerer Personen ausgesetzt ist», erklärt Jean-Luc Guyer, Chef des Zentrums Klinische Psychologie und Psychotherapie in Zürich und Leiter der Studie.

Mädchen und Buben erleben Mobbing unterschiedlich. «Als gelegentliche Gewaltopfer bezeichneten sich 63 Prozent der Mädchen und 53 Prozent der Jungen», sagt Guyer. Gemobbte Schüler können auffallen durch plötzlichen Leistungsabfall, häufige Abwesenheit vom Unterricht, Gereiztheit, Kontaktabbrüche, Übelkeit, Kopf- und Bauchschmerzen.

Die Erwachsenen wüssten sehr oft nicht, dass unter den Kindern und Jugendlichen Gewalt stattfinde. «Täter und Opfer müssen lernen, miteinander zu reden», sagt Guyer. Nicht so einfach sei dies allerdings, wenn ein Jugendlicher von einer ganzen Gruppe ausgegrenzt würde. «Beim Thema Mobbing besteht Handlungsbedarf», sagt er: Sozialkompetenz unter Schülern zu trainieren sei das Wichtigste.

Welche Massnahmen getroffen werden müssen, hänge von der jeweiligen Situation ab. «Wir haben regelmässig Anfragen von Schulleitern und Lehrern, die mehr über konkrete Massnahmen wissen wollen», sagt Guyer. Kurzfristige Einzelmassnahmen seien wenig wirksam. «Die besten Ergebnisse in der Prävention werden durch lang angelegte Aktivitäten von ganzen Schulen erreicht», so Guyer.

Wie schlimm die folgen für Mobbingopfer sein können, zeigt der Fall des 12-jährigen Reto: «Er will nicht mehr in die Schule», sagt seine Mutter zum «Sonntag». Das muss er auch nicht mehr. Die Mutter und ihr Anwalt haben am Donnerstag mit der Schulleitung beschlossen, dass Reto die verbleibenden Wochen bis zur Sommerpause Privatunterricht bekommt. «Jeden Mittwoch kommt seine ehemalige Lehrerin, um ihn für 90 Minuten zu unterrichten», sagt seine Mutter.

Sie habe nach dem Vorfall sehr viele Reaktionen von Betroffenen erhalten und überlegt sich nun deshalb, eine Selbsthilfegruppe zu gründen: «Mobbing ist weit verbreitet, nur spricht niemand gern öffentlich darüber. Das muss sich ändern.»