Er ist der zurzeit bekannteste, verurteilte Pädophile der Schweiz: Christoph Egger (46). Diese Woche sorgte seine Flucht von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel ins fast 900 Kilometer entfernte Berlin für Aufregung. Doch Schlagzeilen machte er vor allem mit seinem öffentlichen Bekenntnis zur Pädophilie. In einem «Report»-Beitrag auf TeleBasel äusserte sich Christoph Egger ausführlich über seine sexuelle Neigung und erzählte, dass er diese mithilfe des Medikaments Lucrin unterdrücke. Der Pädophile spricht auch über sein Verhältnis zu den missbrauchten Kindern: «Ich habe meine Opfer immer geliebt. Die sexuelle Komponente ist dann mit dazu gekommen. Das war für mich wichtig, dass das dabei ist.» Seit er das Medikament nehme, empfinde er «keine Lust mehr, wenn junge Burschen neben mir hergehen».

Intensiv mit der Thematik Pädophilie setzt sich der Psychologe Andreas Mokros von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich auseinander. «Gemäss Schätzungen sind etwa 30 bis 40 Prozent der strafrechtlich sanktionierten Sexualtäter pädophil», sagt Mokros.

Allerdings fehlen Zahlen, wie hoch der Anteil an sexuellen Missbrauchstätern unter pädophilen Männern ist. «Sicherlich erhöht Pädophilie die Wahrscheinlichkeit für die Begehung sexueller Missbrauchsdelikte an Kindern deutlich. Doch gleichzeitig ist Pädophilie weder eine hinreichende noch eine notwendige Vorbedingung für die Begehung sexueller Missbrauchsdelikte an Kindern.»

Die Erfahrungen würden zeigen, dass es durchaus pädophile Männer gibt, die keine Delikte begehen. Hierfür können ganz unterschiedliche Faktoren ausschlaggebend sein: eine gute soziale Integration mit hoher sozialer Kontrolle, eine sinnvolle Tagesstruktur oder das Fehlen von Tatgelegenheiten, also kaum Kontakt zu Kindern, etwa im beruflichen oder Freizeitbereich.

Genau hier setzt die Pädophilen-Initiative an, über die am 18. Mai das Volk abstimmt. Sie fordert, dass Pädophile nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen. Die Genfer Initiantin Christine Bussat ist überzeugt: «Arbeiten Pädophile nicht mehr mit Kindern zusammen, kommt es zu weniger Übergriffen.» Für sie stehe der Schutz der Kinder im Vordergrund.

Zu Sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kommt es in der Schweiz alarmierend oft. Jährlich gehen bei Fach- und Polizeistellen zwischen 3500 und 4000 Meldungen von Übergriffen auf Minderjährige ein. Ein Viertel davon sind Vergewaltigungen. Diese Zahlen gehen aus einer Umfrage von Forschern der Universität Zürich hervor.

Doch wie hoch ist die Dunkelziffer? Um dies herauszufinden, befragte das Forscherteam 6000 Schüler zwischen 15 und 17 Jahren. Erst durch den Abgleich der beiden Studien konnten die Forscher erstmals eine Hochrechnung machen.

Die neuen Resultate schockieren: «Die Zahl der tatsächlichen Übergriffe ist deutlich höher», sagt Thomas Maier, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Wil SG. So kommt es gemäss dem Mitverfasser der «Optimus-Studie» jährlich zu mehr als zehnmal so vielen Vergewaltigungen, als bei den Fach- und Polizeistellen gemeldet werden. «Bei den leichteren Formen wie Belästigungen liegt die Dunkelziffer nochmals viel höher», sagt Maier. Die Zahlen seien besorgniserregend.

Mehr als jedes fünfte Mädchen und jeder siebte Bub in der Schweiz sind von sexuellem Missbrauch betroffen. Bei der Befragung gaben mehr als 12 Prozent der Mädchen an, gegen den eigenen Willen geküsst oder berührt worden zu sein. 2 Prozent der Mädchen wurden vergewaltigt. Bei den Buben sind es 0,6 Prozent.

Gründe, warum so viele Übergriffe unaufgedeckt sind, gibt es viele: Die Täter bedrohen ihre Opfer, schüchtern sie ein. Häufig geben sich die Jugendlichen auch selber die Schuld oder sie haben Schamgefühle. «Auch wollen sie teilweise ihre Eltern nicht belasten und schweigen dann», sagt Psychiater Thomas Maier.

Überraschend ist laut Maier nicht nur die hohe Zahl der Missbrauchsopfer, sondern auch die Beziehung der Opfer zu den Tätern. 42 Prozent der Täter sind gute Bekannte im gleichen Alter und 9 Prozent sind Familienmitglieder. «Die wenigsten erwachsenen Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, sind jedoch pädophil», sagt Maier. Doch exakte Zahlen fehlen. «Da die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder nicht strafrechtlich verfolgt werden, wird nur in den wenigsten Fällen untersucht, ob der Täter pädophil ist.»

Doch geht es um Kindesmissbrauch, fällt der Verdacht stets auf die Pädophilen. Das stellt Psychologe Andreas Mokros fest. Gerade für die Deliktprävention sei es aber wichtig, dass die Kinder den Tatsachen entsprechend aufgeklärt würden. «Wichtig ist dabei, dass der fremde Täter, der Kinder gewissermassen vom Spielplatz entführt, ganz klar die Ausnahme darstellt.»

Das sieht auch Maier so: Die Prävention sollte nicht primär auf pädophile Täter ausgerichtet werden. Denn sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sei ein sehr verbreitetes Phänomen, das die gesamte Gesellschaft durchdringe und von ganz «normalen» Menschen begangen werde. «Das ist eine sehr beunruhigende Botschaft, die weitgehend verdrängt wird», sagt Maier.

Der wegen Kindsmissbrauchs verurteilte Christoph Egger soll spätestens in sechs Wochen an die Schweiz ausgeliefert werden. Wohin er hier kommt, ist offen.

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