VON SANDRO BROTZ UND CLAUDIA MARINKA

Allein von 1997 bis 2008 stieg die Kaiserschnittrate von 22 auf 33 Prozent – die Unterschiede in den Kantonen sind gross. In den Privatkliniken beträgt die Rate im Durchschnitt bereits 41 Prozent.

Doch viele dieser Kaiserschnitte sind nicht medizinisch, sondern ökonomisch begründet. «Der Anreiz zu Kaiserschnittgeburten auch ohne klare medizinische Indikation kommt nach Auskunft von erfahrenen Frauenärztinnen und Frauenärzten von beiden Seiten: von der Klinik, aber auch von den Patientinnen selbst», sagt Otfried Höffe, Präsident der Nationalen Ethikkommission (NEK) im Bereich der Humanmedizin und Professor für Philosophie im deutschen Tübingen.

Seiner Ansicht nach ist dieses Phänomen ohne klare medizinische Indikation relativ neu. Die hohe Kaiserschnittrate in der Schweiz war denn auch ein Thema an der Sitzung der NEK vor zwei Wochen in Neuenburg. «Ein Drittel der Kaiserschnittgeburten dürfte ohne klare medizinische Indikation erfolgen», sagt Höffe.

Für ihn ist deshalb klar: «Diese Entwicklung ist besorgniserregend. Sie steht einerseits im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Gesundheitswesens und andererseits mit einer Konsumhaltung einiger Patientinnen.»

Ein Kaiserschnitt kommt die Krankenversicherung im Normalfall teurer zu stehen als eine vaginale Geburt ohne Komplikationen. «Der finanzielle Aspekt spielt sicher eine Rolle. Das zeigt sich auch daran, dass im internationalen Durchschnitt von einer Kaiserschnittrate zwischen 15 und 20 Prozent ausgegangen wird. Die Schweiz liegt klar darüber», sagt Felix Gutzwiller, Zürcher FDP-Ständerat und Präventivmediziner.

Sein Rückschluss: «Aufgrund internationaler Daten gehe ich von einem Viertel bis einem Drittel an Kaiserschnittgeburten aus, die nicht strikt medizinisch indiziert sind.» Klar ist: Geplante Kaiserschnitte können terminiert werden, sind zeitlich klar begrenzt und benötigen auch weniger Bereitschaftsdienst. «Die Ärzte können so zudem besser planen und haben auch mal gerne ein Wochenende frei», so Gutzwiller.

Der Schweizerische Hebammenverband zeigt sich besorgt. «Hinschauen müssen wir besonders bei den geplanten Kaiserschnitten: Mutter und Kind wird die Möglichkeit einer natürlichen Geburt nicht gegeben, sondern sie werden direkt in den Operationssaal gebucht. Dies ist nicht nur unnötig, sondern stellt insbesondere für die Kinder ein erhöhtes Risiko dar», sagt Liliane Maury Pasquier, Genfer SP-Ständerätin und Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands (SHV).

Es brauche nun eine Analyse. «Ein Kampf zwischen Hebammen und Ärzten nur um des Kampfes willen bringt den Frauen und Kindern nichts. Aber wir erwarten von allen Beteiligten konkrete Schritte, die Kaiserschnittrate zu senken», so Pasquier. Der Verband arbeitet derzeit an einer neuen Broschüre, die Schwangeren bei der Geburtswahl helfen soll.

«Die grosse Mehrheit der Frauen möchte natürlich gebären», sagt auch Franziska Maurer, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Auch sie unterstreicht, dass nicht jeder Kaiserschnitt medizinisch notwendig ist. «Höchstens 10 Prozent der Frauen wünschen einen Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund», sagt sie.

Der Druck auf die Ärzte steigt. «Die Haftungsfälle haben zugenommen. Das ist sicher mit ein Grund, warum viele Ärzte lieber übervorsichtig sind, als ein unnötiges Risiko einzugehen», sagt Maurer. Deshalb rät der Verband jungen Gynäkologen: «Macht keinen Kaiserschnitt zu viel, aber auch nie einen zu wenig.»

Der Ständerat hat vergangenes Jahr ein Postulat von Maury Pasquier überwiesen. Darin wird dem Bundesrat der Auftrag erteilt, die Zunahme der Kaiserschnittrate sowie die interkantonalen Unterschiede in der Schweiz zu untersuchen.

Jacques de Haller, Präsident der Verbindung Schweizer Ärzte FMH, ermuntert betroffene Frauen sogar, sich mit Klagen bei ihrer kantonalen Ärztegesellschaft zu melden: «Jede unnötige Operation ist gefährlich und darf nicht sein.»

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