JEDE DRITTE IST HAUSFRAU

Die Ambulatorien der psychiatrischen Dienste und die Schweizer Privatkliniken verzeichnen einen starken Anstieg an Patientinnen – und bauen wegen der grossen Nachfrage ihre ambulanten Stationen aus.

VON CLAUDIA MARINKA

HSG-Professorin Miriam Meckel hat ein Buch über Burnout geschrieben. SF-Sportmoderatorin Regula Späni hat den Job gekündigt, damit sie nicht in ein Burnout läuft. Das Outing der beiden prominenten Frauen sind keine Einzelfälle. An Burnout – einst als Managerkrankheit bekannt geworden – leiden berufstätige Mütter und Hausfrauen.

«Burnout bei Hausfrauen und bei berufstätigen Müttern nimmt tendenziell zu», sagt Wulf Rössler, Vorsteher und Klinikdirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Gerade Hausfrauen seien prädestiniert dazu, an Burnout zu erkranken. «Niemand sagt Dankeschön und Lohn gibts schon gar nicht. Hausfrauen haben eine hohe Arbeitsbelastung und wenig Gestaltungsspielraum», sagt Rössler. Bei den berufstätigen Frauen gehe es meist um die Doppelbelastung: «Sie haben das Gefühl, hin- und hergerissen zu sein zwischen Kindern und anderseits Arbeit.»

Das Wort Burnout kommt aus dem Englischen und heisst ausgebrannt sein. Ein physischer und psychischer Erschöpfungszustand, dem eine längere Arbeits-Überbelastung vorausgeht. Eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Burnouts spielt der Dauerstress. Er bestimmt den heutigen Berufsalltag. «Jede zweite Frau, die wir behandeln, gelangt zu uns mit Burnout oder Erschöpfungsdepression. Schätzungsweise jede dritte Hausfrau ist in ihrem Leben gefährdet, an Burnout zu erkranken», sagt Christian Schäfer, Chefarzt Psychiatrie von der Klinik Langenthal.

Die Anforderungen an die Frau und Mutter von heute seien enorm gestiegen: «Bei Hausfrauen tritt immer die Frage auf: Wann gehst du wieder arbeiten? Hinzu komme der gesellschaftliche Druck: Aus meinem Kind soll das Beste werden. Wenn das Kind dann Probleme hat, fühlen sich diese Mütter schuldig. Weil die Zahl der berufstätigen Mütter wächst, steigen auch die Doppelbelastungen für die Frau. «Sie wollen ihre Kinder betreuen, aber auch ihren Beruf nicht aufgeben. Die Nachfrage ist gross. Wir planen einen Ausbau unserer ambulanten Dienste», sagt Schäfer. Das Problem erkannt hat auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Es plant Ende Jahr eine gesamtschweizerische Gesundheitsbefragung, für einmal explizit auch zum Thema Burnout.

Ob Hausfrau oder berufstätig – die eigenen Ansprüche der Betroffenen sind hoch. Oft zu hoch. «Es gibt tendenziell immer mehr Frauen, die Hilfe suchen. Lehrerinnen, Pflegefachpersonen, Wirtschaftsfachleute.

Viele Frauen sind mehrfach belastet. Berufstätige Mütter, die vielleicht noch einen betagten Elternteil pflegen. Oder Hausfrauen mit Zusatzaufgaben», sagt Roman Vogt, Chefarzt der psychiatrischen Dienste Aargau. Weil Burnout keine klinische Diagnose ist, sondern aus der Psychologie stammt, tun sich mit der Diagnose viele schwer. «Der Begriff Stressbelastungsstörung oder in schweren Stadien Erschöpfungsdepression ist deshalb fast zutreffender», sagt Barbara Hochstrasser, Chefärztin Privatklinik Meiringen. Auch sie beobachtet dieselbe Tendenz bezüglich Nachfrage von Frauen: «Es ist zu erwarten, dass es zunehmend zu einer Frauenkrankheit wird.»

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