Freitagsgebet in der König-Faysal-Moschee in Basel. Über zweihundert Muslime ziehen im Treppenhaus ihre Schuhe aus. Der Moscheeverwalter hat der «Schweiz am Sonntag» zuvor sein Einverständnis für einen Besuch gegeben. «Bei uns sind alle willkommen», sagte er. Einzige Bedingung: «No Recording. Unsere Leute sind nervös.» Auf der Treppe kommt es zum Eklat. Der Übersetzer des Imams versperrt dem Journalisten den Weg und beschimpft ihn als «falsche Schlange». Der arabisch sprechende Imam kommt dazu und nickt stumm.

Mithilfe des Moscheeverwalters lässt sich ein Kompromiss finden. Er erlaubt, die Predigt in der Bibliothek zu verfolgen, wo sie über Lautsprecher übertragen wird. Auf einem Schild steht hier: «Der einzige Gott ist Allah.» Über die Boxen plärrt der arabische Singsang des Imams. Der Übersetzer wiederholt nur einen Bruchteil. Er nennt das Motto der Predigt: «Wer einen Muslim schützt, den wird Allah im Jenseits schützen.» Die Übersetzung endet mit einer Drohung: «Rettet euch vor dem Höllenfeuer.»

Behörden wissen zu wenig
Bei der Recherche in der Moschee stossen Journalisten auf eine Mauer des Schweigens. Der Nachrichtendienst des Bundes kämpft mit ähnlichen Problemen. Er weiss teilweise sogar weniger als die Medien. Das zeigt ein Urteil des Basler Verwaltungsgerichts gegen einen mutmasslichen IS-Unterstützer, der in Ausschaffungshaft sitzt und Kontakte zur König-Faysal-Moschee hat. Der Nachrichtendienst stützt sich bei seiner Einschätzung auf einen Artikel des Journalisten Kurt Pelda aus der «Weltwoche».

Pelda wusste auch über die Vorgänge in der Winterthurer An-Nur-Moschee besser Bescheid als die Behörden. Am Samstag vor einer Woche informierte der Journalist den Kommunikationschef des Stadtrats per SMS über seine Recherche. An einem Freitagsgebet soll der Imam zum Mord an Muslimen aufgerufen haben, die nicht in der Moschee beten. Das SMS löste eine Kettenreaktion aus. Der Sprecher informierte am gleichen Tag die Stadtpolizei. Diese alarmierte die Kantonspolizei. Diese wiederum schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Am Mittwoch führte die Polizei eine Razzia durch. Wie viele eigene Hinweise sie hatte, sagt sie nicht.

Corina Eichenberger (FDP), Präsidentin der Sicherheitskommission des Nationalrats, sagt: «Es ist sehr bedenklich, dass nicht die Polizei, sondern aussenstehende Personen wissen, was in der Moschee vorgeht.» Eine bessere Überwachung sei aber erst ab dem 1. September 2017 möglich. Dann soll das neue Nachrichtendienstgesetz in Kraft treten. Da eine Moschee als privater Raum gilt, kann der Geheimdienst dort ohne konkreten Verdacht auf eine Straftat derzeit keine Überwachung vornehmen. Mit dem neuen Gesetz ändert sich das.

Genf prescht vor
Für den Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet (FDP) genügen die neuen Überwachungsmöglichkeiten nicht. «Wir hinken in der Terrorbekämpfung hinterher», sagt er. Eine Schwachstelle macht er in den Gefängnissen aus. «Viele Dschihad-Reisende wurden in Gefangenschaft radikalisiert, ohne dass die Behörden davon erfahren haben», sagt Maudet. «Wir brauchen eine bessere Überwachung.» Einerseits sollen Kameras Verhalten und Gespräche der Insassen festhalten, andererseits müsse das Personal besser auf die neue Bedrohung geschult werden. «Es soll frühzeitig erkennen, wenn andere Häftlinge radikalisiert werden.» Zudem erhofft sich Maudet weitere Informationen, mit welchen Methoden Dschihadisten neue Anhänger gewinnen. Bedenken wegen des Persönlichkeitsschutzes hat er kaum. Er will nur Islamisten überwachen, die von einem Gericht als gefährlich eingestuft wurden.

In Frankreich würden Gefängnisinsassen seit den Anschlägen von Paris deutlich intensiver überwacht. Maudet will deshalb in der nächsten Sitzung der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren seine Forderungen einbringen. «Wir müssen handeln.» Wenn Dschihad-Reisende nach einigen Monaten aus der Haft entlassen werden, weil ihnen keine Straftat nachgewiesen werden konnte, erhalte er zu wenige Informationen. «Ich muss wissen, wie gefährlich die entlassenen Häftlinge sind, schliesslich bin ich für die Sicherheit zuständig.»

Das Schweizerische Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal (SAZ) hat auf die neuen Gefahren reagiert. Sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch bietet das Zentrum den Aufsehern einen Weiterbildungskurs zu Dschihadismus an. Dabei gehe es darum, Radikalisierungstendenzen der Insassen sofort zu erkennen, sagt SAZ-Direktor Thomas Noll. Dass es sich lediglich um eine Weiterbildung und nicht um den Grundkurs handelt, ist laut Noll kein Nachteil: «So können wir flexibler und schneller auf die neuen Bedingungen reagieren.»

Dennoch seien weitere Massnahmen nötig: Dazu zählt Noll die Briefzensur, die genaue Beobachtung der Insassen und den Austausch mit Fachpersonen.

Gericht verlängert Haft
Diverse andere Behörden erhöhen ebenfalls den Druck. So wird der schweizerisch-deutsche Polizeivertrag aus dem Jahr 2002 überarbeitet. Neu geregelt werden soll unter anderem der Einsatz der Schweizer Polizei auf deutschem Hoheitsgebiet und umgekehrt. Heute sei man mit Gefahren wie Terrorismus und Cyberkriminalität konfrontiert, die es 2002 in dieser Form noch nicht gegeben habe, heisst es beim Fedpol.

Auch bei den Gerichten findet ein Umdenken statt. Der Iraker im Basler Ausschaffungsgefängnis hätte eigentlich Ende Oktober auf freien Fuss gesetzt werden sollen. Diese Woche publizierte das Verwaltungsgericht ein Urteil, mit dem es die Haft um drei Monate verlängert. Obwohl nur vage Anhaltspunkte vorliegen, geht das Gericht mit den ausländerrechtlichen Massnahmen so weit wie möglich. Der Basler Richter Peter Bucher sagt: «Seit den Anschlägen in Paris sind wir sensibilisiert auf die Problematik. Wir schauen genauer hin.»

In der Deutschschweiz sind die An-Nur- und die König-Faysal-Moschee in den Fokus geraten. «Wir Muslime verstehen die Welt nicht mehr», sagt der Basler Moscheeverwalter Nabil Arab. «Vierzig Jahre lang wurden wir gut behandelt in der Schweiz. Jetzt stehen wir plötzlich unter Druck.» Er steht am Ausgang der Moschee und sammelt Geld. Sein Körbchen füllt sich rasch. Die meisten Gebetsgänger spenden Zehner- und Zwanzigernoten. Arab sagt, er habe schon mehrmals Radikale aus der Moschee verwiesen. Allerdings ist sein Einfluss beschränkt. Das Sagen hat der Imam.

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