Real-Madrid-Star Cristiano Ronaldo lässt keine Gelegenheit aus, seinen Körper zu zeigen. Bevorzugt posiert er oben ohne, damit seine stählernen Bauchmuskeln zu sehen sind. Der Fussballer lebt vor, wie ein Männerkörper heute zu sein hat: Durchtrainiert mit Sixpack und starkem Trizeps.

Jedes neue Foto von Ronaldos Waschbrettbauch verbreitet sich rasend schnell um den ganzen Globus. Das hat Folgen. Durch die Flut an Bildern von vermeintlich perfekten Männerkörpern wächst bei Schweizer Jugendlichen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Zusammen mit Psychologen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft ZHAW untersuchte sie, wie 13- bis 15-Jährige ihr Körperbild wahrnehmen. Dafür befragten die Forscher knapp 400 Jugendliche.

Erste Resultate lassen aufhorchen. Nur gerade 35 Prozent der Teenager-Mädchen und 56 Prozent der gleichaltrigen Buben sind mit ihrer Figur zufrieden. Während sich Mädchen vor allem zu dick fühlen, wünschen sich die heranwachsenden Männer mehr Muskeln. «Bis anhin ging man davon aus, dass die Buben zufrieden mit ihrem Körper sind, doch dies ist nicht so», sagt Chiara Testera Borrelli, Co-Leiterin des Bereichs Ernährung und Bewegung bei Gesundheitsförderung Schweiz. Dies sei ernüchternd. 48 Prozent der Buben in der Schweiz hätten gerne mehr Muskeln und 30 Prozent sogar deutlich mehr. Über drei Viertel wollen somit ihren Körper stählen.

Die Soziologin führt diese Entwicklung auch auf die Werbung zurück. «Seit rund 20 Jahren nehmen Abbildungen von Männern mit nacktem, durchtrainiertem Oberkörper zu.» Dies beeinflusse die Jugendlichen. So treiben mehr als die Hälfte der 13- bis 15-jährigen Buben nicht aus Freude Sport, sondern um diesem Adonis-Bild zu ähneln. 13 Prozent nehmen dazu Nahrungsergänzungen.

Roland Müller von der Fachstelle für Essstörungen PEP erstaunen diese Forschungsresultate nicht: «Vermehrt kommen junge Männer zu uns ins Inselspital Bern, weil sich ihr Leben nur noch um einen Null-Fett-Körper dreht.» Muskelauf- und Fettabbau sei deren Lebensinhalt. Oft würden sie sich über Wochen und Monate nur noch von Poulet und Reis ernähren und dann aufgrund des strengen Ernährungsplans regelrechte Essattacken entwickeln, sagt Müller. Für das Ziel eines perfekten Körpers schrecken viele auch vor dem Griff zu illegalen Substanzen nicht zurück.

Alarmierend ist, dass dieser Körperkult bereits in frühen Jahren beginnt. Schon Sechs- bis Siebenjährige können eine Störung des eigenen Körperbildes entwickeln. «Dies ist problematisch, da sich diese Unzufriedenheit in der Pubertät noch verstärken kann.»

Über die Notrufnummer 147 von Pro Juventute melden sich pro Tag rund vier Jugendliche, die wegen ihres Körpers verunsichert sind. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. «Viele Buben stehen unter einem enormen psychischen Druck, einen definierten Oberkörper haben zu müssen», sagt Thomas Brunner, Leiter Beratung bei Pro Juventute. Durch die Flut an Bildern würden sie sich dauernd vergleichen und dadurch auch klar erkennen, wo sie noch an sich «arbeiten müssen». «Früher war klar: Wer körperlich hart arbeitet, der hat Muskeln. Heute stimmt diese Kausalität nicht mehr.» Die Werbung suggeriere den Jugendlichen: Alles ist möglich, wenn man trainiert. «Dabei hat ein 13-Jähriger, der zur Schule geht und als Hobby Fussball spielt, nicht automatisch ein Sixpack und riesige Oberarme.»

Das digitale Zeitalter befeuert den Körpermonokult. Längst nicht nur mehr in der Werbebranche, auch auf Blogs und in den sozialen Medien wird retuschiert, korrigiert und manipuliert. Weil viele der Bilder, mit denen Jugendliche täglich konfrontiert sind, Idealen entsprechen, die mit dem echten Leben wenig zu tun haben, hat Pro Juventute die Kampagne «Echtes Leben» lanciert.

Testera Borrelli von Gesundheitsförderung Schweiz findet das gut: «Es ist wichtig, den Kindern früh zu zeigen, dass der menschliche Körper keiner Norm entspricht.» Die Eltern können dies tun, indem sie einen guten Umgang mit dem eigenen Körper vorleben.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper