Schläge, Drohungen oder sexuelle Gewalt: Für manche Frauen ist die Flucht ins Frauenhaus der letzte Ausweg. 2093 Frauen suchten vergangenes Jahr Hilfe in einer der hiesigen Einrichtungen. Aber nicht alle fanden Unterschlupf. Weil die Schutzheime immer wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stiessen, mussten 600 Frauen teilweise in Hotels oder Pensionen übernachten.

299 Betten in 18 Frauenhäusern stehen schweizweit zur Verfügung, doch es bräuchte 800 – fast dreimal so viele Plätze wie heute. Dies geht aus einem neuen Bericht der Sozialdirektorenkonferenz (SODK) hervor. Im Auftrag des Bundes hat sie eine Bedarfsanalyse erstellt. Grund dafür: Im Herbst 2013 unterzeichnete der Bund das sogenannte Istanbuler Abkommen des Europarats. Und noch dieses Jahr könnte auch das Parlament das Abkommen ratifizieren. Dieses würde die Schweiz verpflichten einen Betreuungsplatz pro 10 000 Einwohner für Opfer von häuslicher Gewalt einzurichten.

Die Schweizer Frauenhäuser hegen grosse Hoffnungen. «Bis jetzt war der Druck, mehr gegen Gewalt in der Ehe und Partnerschaft zu unternehmen, zu klein», sagt Susan A. Peter, Vorstandsmitglied der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz. «Doch der SODK-Bericht zeigt auf, wie akut die Lage ist.»

Etliche Frauenhäuser waren 2014 über Wochen zu 100 Prozent belegt – besonders in der Nordwestschweiz. Für Neuankömmlinge musste dann in einer «Feuerwehrübung» ein alternativer Zufluchtsort gefunden werden. «Solche Lösungen sind aber meist teurer als ein Bett im Frauenhaus», sagt Peter. Ebenfalls sei es bei häuslicher Gewalt entscheidend, rechtzeitig zu intervenieren, sonst würden noch mehr Kosten anfallen. Eine Studie des Bundes beziffert die Kosten im Zusammenhang mit Gewalt in Paarbeziehungen mit 164 Millionen Franken pro Jahr.

Häusliche Gewalt betrifft die ganze Gesellschaft. Die Polizei registrierte 2014 über 15 600 Anzeigen. Das sind knapp 40 Prozent aller Gewaltstraftaten. Die Dunkelziffer schätzen Experten auf das Fünffache. So geht denn eine Studie des Triemlispitals in Zürich davon aus, dass jede fünfte Frau in der Schweiz in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt wird.

Knapp 20 Prozent der Opfer sind Männer. Sie erleben häufig üble Nachrede oder Verleumdungen, aber auch Gewalt. Für sie stehen zwei Väterhäuser offen: das Zeit-Haus in Zürich und der «Zwüschehalt» im Aargau. «Auch wir sind aktuell überbelegt», sagt «Zwüschehalt»-Leiter Hans Bänziger. Zwar würden sich noch immer die wenigsten Männer trauen, über häusliche Gewalt zu sprechen, doch es finde hier eine Entwicklung statt. «Männer gestehen sich heute eher ein, dass sie Hilfe brauchen.»

Für Frauen von gewalttätigen Männern ist ein Frauenhaus häufig das letzte Netz. «Sie kommen nicht wegen einer Ohrfeige, sondern oft wegen schwerer körperlicher und sexueller Gewalt», sagt Peter. Manche haben am ganzen Körper blaue Flecken oder einen gebrochenen Arm. Viele sind sie zwischen 25 und 35 Jahre alt und haben ein kleines Kind. Der Anteil an Ausländerinnen aus der unteren Gesellschaftsschicht überwiegt. «Gutgestellte Frauen verfügen eher über Geld, um nach einem Vorfall vorübergehend ins Hotel zu ziehen», sagt Susan A. Peter. Einige würden sich auch ganz im Stillen Unterstützung holen.

Durchschnittlich sind die Frauen 25 Tage im Frauenhaus. Ein Viertel kehrt nach dem Aufenthalt zum Mann zurück. Die andern gehen in eine Institution oder eine eigene Wohnung – sofern verfügbar. «In Schutzheimen in Genf und Zürich kommt es auch zur Platznot, weil wir keine Wohnung finden», sagt Peter. Ein Tag im Frauenhaus kostet je nach Heim unterschiedlich viel. Durchschnittlich sind es 124 Franken.

Doch viele Frauenhäuser befinden sich in finanziell ungesicherter Lage und sind heute auf Spenden angewiesen. Daher dürfte der Ausbau nach Istanbuler Abkommen ohne Engagement des Staates nicht zu machen sein. Die SODK versteht das Abkommen daher als Richtgrösse. «Es gibt nebst den Frauenhäusern eine Vielzahl von weiteren Angeboten», sagt der stellvertretende Generalsekretär Remo Dörig. «Daher wird der effektive Bedarf an Plätzen zurzeit geprüft.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper