Schweizer Strassen, das ist die gute Nachricht, sind die sichersten Europas. Schweizer Autolenker hingegen, das ist die schlechte, nehmen einen unrühmlichen Platz ein in der Rangliste der Alkoholsünder. Pro Milliarde gefahrene Kilometer sterben in der Schweiz sechsmal mehr Menschen bei Unfällen mit Alkoholeinfluss als in Holland. Dies zeigt ein neuer Bericht des «European Transport Safety Council».

Über sämtliche Unfälle und Lenker gesehen belegt die Schweiz im europäischen Vergleich den ersten Platz. Mit zwei Todesopfern pro gefahrene Milliarde Kilometer lassen hierzulande deutlich weniger Verkehrsteilnehmer ihr Leben als etwa in Norwegen, Deutschland oder Österreich. Den traurigen Rekord hält Polen. Auf jede gefahrene Milliarde Kilometer ereignen sich dort Unfälle mit über 11 Todesopfern. Der Bericht untersuchte die Unfälle mit Personenwagen; Motorräder und weitere Verkehrsteilnehmer wurden nicht berücksichtigt.

«Die Schweizer fahren im internationalen Vergleich sichere und neue Autos», sagt Stefan Siegrist, stellvertretender Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Zudem habe sich das Sicherheitsmanagement ausbezahlt: «Bei Strassenbauprojekten wurde der Sicherheit zunehmende Beachtung geschenkt, Vorschriften werden mit Bedacht und nachhaltig eingeführt, und die Bevölkerung ist sensibilisiert», sagt er. «Was früher als Einschränkung der persönlichen Freiheit erlebt wurde, sehen Autokäufer heute als Vorteil.»

Der Alkohol trübt allerdings die Bilanz ebenso wie die Sicht mancher Autolenker. Beim Vergleich der Alkoholtoten pro Milliarde gefahrene Autokilometer und Insasse belegt die Schweiz einen der hinteren Ränge. Sechsmal weniger Alkoholtote beklagt Spitzenreiter Holland; in Deutschland, Österreich, Schweden oder Israel sind es zwei- bis fünfmal weniger. Deutlich seltener sterben Autoinsassen auch in Grossbritannien, Belgien, Portugal, Finnland, Norwegen, Spanien – und mittlerweile sogar in Irland, dem Land des Guinness.

Bildlich ausgedrückt: In der Schweiz stirbt durchschnittlich jedes Jahr einer von 65 000 Autoinsassen wegen Alkohol, einer von etwa 6500 wird schwer verletzt und einer von etwa 2000 leicht. Zwar sind die Zahlen nicht mit allen Ländern direkt vergleichbar, denn nicht überall misst die Polizei den Blutalkoholgehalt nach Unfällen mit derselben Systematik. Doch selbst nach Berücksichtigung dieser Faktoren stehen nur wenige Länder wie Tschechien, Polen oder Estland schlechter da als die Schweiz.

Nach der Einführung der 0,5-Promille-Grenze im Jahr 2005 sank die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle hierzulande auf einen Schlag. Waren es über 100 im Jahr 2004, wurden 2006 noch knapp 60 registriert. Seit dann ist allerdings keine Abnahme mehr feststellbar.

Der schlechte Stand der Schweiz hat mehrere Ursachen. So ist etwa die Sicherheitskultur weniger ausgeprägt als in skandinavischen Ländern. Im internationalen Vergleich werde in der Schweiz zudem wenig kontrolliert, sagt Siegrist von der BfU. «Manche Verkehrsteilnehmer wünschen sich zu Recht mehr Kontrollen, was auch die BfU begrüssen würde.»

Wie wirksam Polizei-Kontrollen sind, macht Irland vor. In nur vier Jahren vermochten die Behörden auf der Grünen Insel die Zahl der alkoholbedingten Strassenopfer um 30 Prozent zu senken. Seit 2006 sind Alkoholtests Pflicht, wann immer ein Fahrer gestoppt wird. Ein Jahr darauf wurden die Strafen verschärft, 2011 wurde die Anpassung der Promille-Grenze von 0,8 auf 0,5 Promille mit einer Verstärkung der Kontrollen begleitet. Für Fahranfänger gilt die Nulltoleranz.

Diese Massnahme wird nun auch in der Schweiz eingeführt. Die Erfahrungen damit, etwa in Österreich, seien sehr positiv, sagt Siegrist. «Neulenker weisen schon bei geringen Alkoholmengen ein erhöhtes Unfallrisiko auf», sagt er. «Wir erwarten, dass das Alkoholverbot für Neulenker seine Wirkung erzielen wird.»

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