Zugriff. Handschellen klicken. Vor einem Club im Welschdörfli, der Partymeile von Chur, greift die Stadtpolizei am Freitag um 2.24 Uhr durch. Eine Patrouille ist auf eine Rangelei unter Jugendlichen gestossen. Chur ist bekannt für ein hartes Regime gegenüber seiner Partyszene. Die Stadt gab sich 2008 das strengste Polizeigesetz der Schweiz. Der öffentliche Konsum von Alkohol auf Stadtgebiet ist zwischen 0.30 und 7.00 Uhr verboten. Zentrale Punkte der Stadt werden per Video überwacht. Das sorgte bei der Einführung für nationale Schlagzeilen. Chur als Singapur der Schweiz.

Seither ist es ruhig geworden in den Medien, aber auch in der Stadt. Das zeigt ein Augenschein mit einer Patrouille der Stadtpolizei Chur. Der Einsatz verläuft bis zum Zwischenfall in den Morgenstunden unspektakulär. Nicht nur, weil ein Grossteil des Stammpublikums in den Ferien ist. Das Regime, das neben dem Polizeigesetz auch auf einem strikten Gastwirtschaftsgesetz (Polizeistunde in der Altstadt um 1 Uhr, im Welschdörfli um 3 Uhr) besteht, zeigt Wirkung. «Chur hat einen Teil seiner Anziehungskraft als Partystadt verloren», sagt der Churer Kulturaktivist Stefan Parpan.

Als die Polizisten gegen 1 Uhr vor einer Bar in der Altstadt nach dem Rechten sehen, ernten sie verstohlene Blicke. Ein Dutzend Partygänger steht vor der Tür und trinkt Bier auf der Strasse. Das ist verboten, doch die Polizisten schreiten nicht ein. Den Eindruck auf der Strasse bestätigt die Statistik. 2014 wurden sieben Personen fürs nächtliche Trinken gebüsst. 2009 waren es noch 41. Roland Hemmi, stellvertretender Kommandant der Stadtpolizei Chur, ist trotzdem froh über das Gesetz. «Wir haben damit ein Werkzeug mehr, um gegen lärmende und stark alkoholisierte Personen vorzugehen», sagt er. «Das Gesetz wirkt, auch wenn wir Verstösse nicht immer streng ahnden.»

Wenn die Churer Jugend feiert, dann tut sie das nun vorwiegend zu Hause. Damit ist sie nicht alleine. Im Zuge der Liberalisierung in den 1990er-Jahren wurde in vielen Schweizer Städten die Polizeistunde zunächst abgeschafft. Hunderte Clubs machten auf, es wurde laut und dreckig. Dann kam aber der Backlash. In den grösseren Städten wurden Clubs wegen Lärm geschlossen, die Polizei erhielt mehr Mittel: Videokameras, Wegweisungsartikel und die totgeglaubte Polizeistunde. Chur wurde zum Vorbild für andere Städte. Die Regulierungswelle trieb die Jugend auf die Strasse. In Zürich («Reclaim the Streets») und in Bern («Tanz dich frei») kam es zu Krawallen.

Auch in Chur protestierte die Jugend. Weniger militant, dafür kreativ. In einem Protestsong hiess es, die Jugend habe hier «kein Menschenrecht» und: «Chur hat Angst vor seinen eigenen Kindern». Diese «Kinder» trafen sich früher auf der zentral gelegenen Quaderwiese, tranken Bier, rauchten und kifften. Doch 2008 wurde dieser Treffpunkt zur «suchtmittelfreien Zone». Auch das eine Spezialität des Churer Polizeigesetzes: Der Stadtrat kann Rauchen und Trinken in gewissen Zonen ganz verbieten.

Die Quaderwiese wird von der Polizei regelmässig kontrolliert. So auch an diesem Freitagabend vor Mitternacht. Auf Bänken sitzen Jugendliche, manche rauchen, manche trinken, alle grüssen artig. Heute beanstanden die Beamten nichts. An Wochenenden darf wieder geraucht und getrunken werden, zumindest bis 0.30 Uhr. Das liegt an einer kleinen Revolution, die das strenge Regime provozierte. 2012 demonstrierten Hunderte Jugendliche auf der Quaderwiese. Im gleichen Jahr wurde mit Tom Leibundgut (Freie Liste verda) ein ehemaliger Beizer und Gegner des Polizeigesetzes in den Stadtrat gewählt, auf den vehementen Verteidiger des Polizeigesetzes Christian Boner folgte der pragmatische Urs Marti (FDP) als Stadtpräsident.

Seither fährt die Stadt wieder einen etwas liberaleren Kurs, mehr Freinächte werden gewährt und Ausnahmebewilligungen erteilt. Marti spricht von einem guten Kompromiss. Kulturaktivist Parpan und viele junge Churer sehen das anders. Die Ausnahmebewilligungen brächten die Kultur von früher nicht mehr zurück, sagen sie. Tatsächlich nutzen die Beizer die neue Regelung kaum.

Und so leert sich das Welschdörfli trotz ausnahmsweise gewährter Freinacht nun langsam. Es ist halb vier Uhr. Zu tun gibt es für die Churer Polizisten nichts mehr. Die letzten Nachtschwärmer verdrücken sich unauffällig. Chur ist leiser geworden und ein klein wenig liberaler, doch die Stadtpolizei steht immer noch bereit, um durchzugreifen.

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