Das höchste Hotels der Welt. Um diese Auszeichnung wird gestritten. Ist es das «Fairmont» im Makkah Clock Royal Tower in Mekka mit seinen 601 Metern Höhe? Oder doch das «Ritz-Carlton» im Hongkonger International Commerce Center mit seinen «lediglich» 484 Metern? Oder das «Park Hyatt» im World Financial Center in Schanghai (492 Meter) oder das «JW Marriott Marquis» in Dubai (355 Meter)?

Eigentlich sollte die Antwort kein Problem sein, denn die Höhe der Gebäude ist exakt messbar. Die Frage ist aber: Wann ist ein Turm ein Hotelturm? Wenn er ein Hotel beinhaltet oder wenn das Hotel mindestens 85 Prozent der Fläche belegt? Und muss das Hotel zwingend zuoberst angesiedelt sein (wie beim «Ritz-Carlton», Hongkong) oder reicht es, wenn es die unteren zwei Drittel nutzt («Fairmont», Mekka)?

Die Jagd nach Höhen-Rekorden hat sich bei Büro- wie Hotelbauten in den letzten Jahren beschleunigt. Nimmt man die Wikipedia-Rangliste als Massstab, sind allein fünf der zehn höchsten Hotelbauten nach 2010 fertiggestellt worden. Sie alle liegen in arabischen oder asiatischen Zentren – das Ryugyong Hotel gar im nordkoreanischen Pjöngjang. Der umstrittene Bau wartet allerdings seit Jahren auf seine Fertigstellung.

Woher kommt der Wolkenkratzer-Ehrgeiz? «Hotels suchen immer eine möglichst spektakuläre Erscheinung. Dafür eignen sich Türme» sagt Andreas Deuber, Dozent für Hotel- und Tourismusimmobilienmanagement an der Fachhochschule Chur. Dieser Hang aufzufallen, sei nicht neu. «Hotels waren immer Attraktionspunkte.» Die alten Grandhotels imitierten Paläste, wuchteten sich in den Städten oder in den Kurorten mit purer Grösse oder Eleganz und reich geschmückten Fassaden ins Blickfeld. Die neuen Hoteltürme seien bei den Besitzern – oft Scheichs oder andere Investoren aus arabischen Ländern – so beliebt, weil sie damit ihre Macht und Potenz zeigen könnten, erklärt der Hotel- und Unternehmensberater Peter Wagner aus Zürich. Im Gespräch fällt gar der Ausdruck «protzen».

Protzen passt etwa zum Makkah Clock Royal Tower. Der Turm mit der riesigen Uhr – sie soll aus 17 Kilometer Entfernung sichtbar sein – dominiert den Platz mit der schwarzen Kaaba. In Schanghai dagegen konkurrieren der Flaschenöffner, wie der Financial Tower wegen seiner Bügel-Dachform heisst, und die anderen Türme. Doch es gibt auch Bauten, die durch ihre Ästhetik bezaubern. Die Fassade des Aqua Tower in Chicago ist mit seiner ornamentierten Haut ein Hingucker. Ebenso das Park Royal in Singapur, dessen Terrassen mit dem üppigen Grün sich mit den geschwungenen Formen zu einem Gesamtkunstwerk verbinden. Auffällig und vor allem lustig präsentiert sich das Inntel Hotel in Amsterdam-Zaandam mit seinen übereinandergestapelten, farbigen Häuschen.

Der Entscheid für Hochhäuser hat auch mit Rentabilität zu tun. Hotels suchen eine möglichst zentrale Lage. Im Zentrum von Weltstädten ist der Boden teuer, hier heisst die Devise Höhe statt Breite. Trotzdem sind es meist Luxushotels, die man in den Türmen findet. Der Grund ist für Deuber klar: «Die hohen Kosten für Bau oder Miete, für Betrieb und Unterhalt lassen sich sonst nicht wieder einspielen.»

Wolkenkratzer sind für Hotels nicht nur ein geschickter Marketing-Zug, sondern erfüllen auch das Bedürfnis der verwöhnten Kundschaft nach Speziellem, Einmaligem. Peter Wagner ist allerdings skeptisch, ob man mit einer Fassade die Kundschaft zum Bleiben oder zum mehrmaligen Buchen anregen kann. «Oft besucht man solche Hotels wie den Eiffelturm. Also einmal.» Für ihn ist das Innere wichtiger als die Fassade.

Der Wettstreit um höher, auffälliger, anders tobt weniger in den Zimmern als in den Hotelhallen. Im «Park Royal» in Singapur oder im «Four Seasons» in Guangzhou erhebt sich die zentrale Lobby über ein Dutzend Stockwerke. Wie futuristische Kathedralen der Moderne trumpfen sie verschwenderisch auf mit Raum, Licht und teuersten Materialien.

Hotels würden mit ihren aufsehenerregenden Bauten und Einrichtungen Kundenbedürfnisse oft auch erst wecken, sagt Deuber. «Sie sind Trendsetter. Was sie an Möbeln, Dekor, Architektur bieten und erfinden, findet Nachahmung im privaten Wohnen.» Cool findet er zum Beispiel das «Marina Bay» in Singapur. Drei Türme am Hafen sind mit einer verbindenden Schiffsform bekrönt. «Spektakulär und absolut einmalig», lobt Deuber. Wer nach Bildern des Hotels sucht, findet hauptsächlich zwei Ansichten: das Äussere und Aufnahmen vom Swimmingpool im 57. Stock mit einer atemberaubenden Sicht.

Das Hochhaus ist für den Touristikfachmann Deuber nur ein Trend für das Hotel der Zukunft. Er erwartet in den nächsten Jahren eine starke Differenzierung. Neben spektakulären Megahotels erwartet er zunehmend Boutique- oder Designhotels, edle Übernachtungsmöglichkeiten in historischen Gebäuden oder auch kleine, aber spezielle Häuser. «Viele Leute mögen es lieber heimelig als globalisiert und nach dem neuesten Chic designt, besonders wenn sie als Ferien- oder Kulturgäste unterwegs sind.» Das 08/15-Hotel für alle und alles ist für Deuber deshalb ein Auslaufmodell, allenfalls werde es in Zukunft in den Städten das Basisbedürfnis abdecken.

Wagner dagegen sieht den Trend im Hotel hin zum Economy- und Budget-Hotel. Nur sehr wenige Leute könnten sich Luxus-Hotels in Wolkenkratzern leisten. «Viel interessanter als die sehr Vermögenden ist die zweite Schicht, die Leute mit etwas weniger Geld, die aber zahlenmässig viel grösser ist.» Seine Begründung: «Die Menschen erwarten drei Dinge im Hotel: sich willkommen, vielleicht gar zu Hause fühlen, ein gutes Bett und eine gute Nasszelle.» Spektakuläre Ausblicke, architektonische Raffinesse und stylische Einrichtungen bleiben aber verlockende Verkaufsargumente.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!