VON SANDRO BROTZ

Hannibal kann sich gut an den Augenblick erinnern, der ihm eine neue Welt eröffnete. «Was ist das für ein Geräusch?», fragt er seine Mutter Cornelia im April vor einem Jahr. Es ist der Tag, an dem Hannibal zum ersten Mal Vögel hören kann. Dann einen vorbeifahrenden Zug. Später das Summen seines Computers. «Es hat sich alles verändert», erzählt der Teenager. Er sitzt in seinem Zimmer aufrecht hinter dem Pult und lächelt scheu.

Hannibal mag James-Bond-Darsteller Daniel Craig, die Simpsons und Micky Maus. Vor ihm liegt der Joystick für den Zug- und Flugzeugsimulator bereit: «Mein Traum ist es, Lokomotivführer zu werden.» Das Hörgerät mit dem durchsichtigen Ohrstück verbirgt Hannibal geschickt hinter den Haaren. Neuste Technologie macht es möglich, dass er damit auch hohe Obertöne hört.

Die Hörleistung hat sich markant verbessert, doch das hat seinen Preis: 6255 Franken. Die IV-Stelle Aargau übernimmt davon exakt 4373 Franken und 95 Rappen. Hannibals Eltern müssen 2356 Franken und 45 Rappen selber bezahlen. Viel Geld für die Familie, die in Frick in bescheidenen Verhältnissen wohnt. Vater Christian ist seit einem Autounfall zum IV-Bezüger geworden. Mit der nunmehr bald ein Jahr alten Rechnung für das Hörgerät Phonak Naida V SP wurde ein kafkaesk anmutender Schriftwechsel losgetreten, der unterdessen einen A4-Ordner füllt und dem «Sonntag» vorliegt.

Es beginnt am 4. November 2009, als die Sachbearbeiterin bei der IV-Stelle in Aarau Hannibals Vater mitteilt, dass die IV «Ihrem Antrag nicht entsprechen kann». Es könnten jeweils nur «die Kosten einer einfachen- und zweckmässigen Versorgung der entsprechenden Indikationsstufe übernommen werden». Was in der sperrigen Amtssprache als «einfache und zweckmässige Versorgung» umschrieben wird, bedeutet in Hannibals komplexem Fall einen unverzichtbaren Anschluss ans Leben. «Die Schwerhörigkeit ist so ausgeprägt, dass er auf Hörgeräte angewiesen ist, die preislich über der Indikationsstufe 3 liegen», schreibt sein Ohrenarzt Kaspar Strub aus Basel noch im Mai dieses Jahres in einem Verlaufsbericht an die IV-Stelle Aargau. Doch diese bleibt hart: «Die Übernahme von Mehrkosten ist (...) ausgeschlossen.»

Hannibals Vater weist die Sachbearbeiterin darauf hin, dass es die Hörgeräte seinem Sohn erst möglich machen, die öffentliche Schule zu besuchen. Schon die Primarschule absolvierte er ohne Probleme. Es sind nachvollziehbare Argumente, die aber bei der IV kein Gehör finden.

Paradox:Müsste Hannibal auf ein Hörgerät umsteigen, das billiger, aber weniger effektiv ist, wäre der Gang in eine Sonderschule nicht weit – was zu Mehrkosten in x-fach höherem Masse als die knapp 2400 Franken führen würde.

Auch durch diese Rechnung lässt sich die IV-Stelle nicht erweichen: «Jedoch kann auch in einem solchen Fall keine höhere Vergütung für die notwendige Hörgeräteversorgung erbracht werden», schreibt die Sachbearbeiterin. Sie hält sich strikt an Reglemente und Paragrafen. Der Vater versucht, die Leiterin der IV-Stelle, Bergita Kayser, am Telefon von der Notwendigkeit einer ganzen Kostenübernahme zu überzeugen. Ihre Antwort: «Wir müssen jetzt halt sparen.»

Der definitive Tiefschlag folgt mit einem Brief der IV-Stelle vom 4. Juni 2010. Es ist ein siebenseitiger Fragebogen zum Anspruch einer «Hilflosenentschädigung für Minderjährige im Sonderfall». Dabei werden intimsten Fragen gestellt: vom Essen («Muss die Nahrung zum Munde geführt werden?») über das «Ordnen der Kleider nach Verrichtung der Notdurft» bis zu: «Muss die versicherte Person persönlich überwacht werden?»

Die geradezu inquisitorischen Fragen treffen die Familie ins Mark. Der Vater nennt sie «diskriminierend, entwürdigend und schlicht eine Frechheit». Die IV-Stelle wollte wohl helfen, doch sie traf den Ton nicht – wie so oft in den vergangenen Monaten. Ein einziges Treffen mit Hannibal hätte gezeigt, wie bewundernswert selbstständig der 15-Jährige mit seinem Schicksal umgeht. Er ist kein Pflegefall, wie der Fragebogen insinuiert, sondern braucht lediglich technische Hilfsmittel, um den Alltag zu meistern.

Auch Hörgeräteakustiker Christoph Schwob aus Basel setzt sich für seinen jungen Schützling ein und schreibt der IV-Stelle. Vergebens. «Dabei hat dieselbe Stelle die Hörgeräte vor drei Jahren noch ganz übernommen», sagt Schwob. «Was jetzt passiert, ist für mich ein Bruch in der Logik.»

Hannibal geht der Kampf «an die Nieren», wie es Mutter Cornelia formuliert. Vater Christian ergänzt, sein Sohn sei zeitweise «nicht gut z’wäg». Die Wahrheit ist, dass es ihn traurig macht. Darauf angesprochen, meint Hannibal, er wäre froh, wenn «dieses Gschtürm» endlich ein Ende hätte. Er wolle «wie ein normaler Mensch behandelt werden». Es sind erstaunlich erwachsene Worte für einen 15-Jährigen, der in der Oberstufe von Schulkollegen ausgeschlossen wurde, weil er nicht alle Gespräche verstehen konnte. «Das war nicht so toll», sagt Hannibal zu diesem Mobbing. Da gab es die neuste Technologie noch nicht.

Seinen Frust vergisst der Teenager, wenn er auf seinen Congas spielt. Der Klang der afrikanischen Trommeln erfasst seinen ganzen Körper. Dasselbe gilt für die Musik von AC/DC oder Linkin Park. In der Schule begeistert sich Hannibal für Geografie, Werken und Biologie.

Die Eltern geben derweil die Hoffnung nicht auf, dass in der IV-Stelle an der Kyburgstrasse 15 in Aarau die Vernunft doch noch siegt. Schliesslich heisst es im Unternehmensleitbild der Sozialversicherung Aargau (SVA), zu der die IV-Stelle gehört: «Beste Dienstleistungen zu erbringen heisst, menschlich und professionell unsere Kompetenzen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten auszuschöpfen.»

Im Fall von Hannibal Anliker ist die IV-Stelle Aargau diesen Beweis noch schuldig. Eine Stellungnahme, ob an der harten Linie festgehalten wird, blieb trotz mündlichen und schriftlichen Anfragen bis Redaktionsschluss aus.


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