Die Kurskorrektur zeigt erste Wirkung. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump, der sich seit einigen Tagen diszipliniert an die Regie-Anweisungen seiner Berater hält, holt in den nationalen Meinungsumfragen auf. Kurz vor dem langen Wochenende – am Montag begehen die Amerikaner den arbeitsfreien Labor Day (Tag der Arbeit) – registrierten zwei demoskopische Institute ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Republikaner und seiner demokratischen Konkurrentin Hillary Clinton. In einer Umfrage des (verlässlichen) Meinungsforschers «Techno Metrica» im Auftrag des (konservativen) Wirtschaftsblattes «Investor’s Business Daily» kamen beide Kandidaten auf je 39 Prozent der Stimmen. In einer Erhebung des (konservativen) Nachrichtensenders «Fox News» brachte es Clinton auf 41 und Trump auf 39 Prozent der Stimmen.

Natürlich könnte es sich bei diesen Ergebnissen um Ausreisser handeln. Trump scheint aber tatsächlich Boden gutzumachen. So hatte Clinton laut der Internet-Seite «Real Clear Politics», die im Wahljahr sämtliche Umfragen sammelt, vor Monatsfrist noch einen durchschnittlichen Vorsprung von rund vier Prozentpunkten. Nun ist dieser Vorsprung um rund einen Punkt geschrumpft. Unter den Anhängern des Republikaners macht sich deshalb Zuversicht breit, dass das Rennen um das Weisse Haus zwei Monate vor dem Wahltag am 8.November noch nicht verloren ist.

Mag sein. Neue Enthüllungen um Hillary Clinton und ihr Kommunikationsverhalten als Aussenministerin (2009 bis 2013) könnten die Demokratin tatsächlich weiter unter Druck setzen. Allerdings kämpft auch Trump mit Gegenwind. Sein Wahlkampf wirkt über weite Strecken improvisiert; niemand weiss so recht, wer die Entscheidungen trifft. Auch scheint die Koordination mit der nationalen Parteiorganisation, die in wichtigen Staaten anstelle von Trump um Stimmen wirbt, nicht zu klappen.

Vielleicht handelt es sich dabei aber nur um Nebengeräusche. Ein genauer Blick auf die Meinungsumfragen deutet nämlich darauf hin, dass Clinton immer noch über einen ausreichenden Vorsprung auf Trump verfügt – sofern die Erhebungen der Demoskopen die Stimmungslage unter den Amerikanern korrekt abbilden. Dies hängt auch damit zusammen, dass bei der Präsidentenwahl nicht gewinnt, wer landesweit am meisten Stimmen erhält, weshalb nationale Befragungen höchstens Auskunft über Trends geben können. Entschieden wird das Rennen um das Weisse Haus vielmehr in separaten Wahlgängen in jedem der fünfzig Bundesstaaten plus im Hauptstadtbezirk Washington. Wer jeweils am meisten Stimmen gewinnt, erhält die Wahlmänner-Stimmen zugesprochen, die dem jeweiligen Staat gemäss seiner Bevölkerungszahl zustehen. Gewählt ist, wer mindestens 270 Elektoren-Stimmen erhält.

Auswertungen zeigen, dass die Demokraten von diesem indirekten Wahlsystem profitieren, weil ihre Stammwähler in den Bevölkerungszentren an der Ost- und Westküste die Mehrheit stellen. Politbeobachter haben berechnet, dass Clinton 217 von 538 Elektoren-Stimmen auf sicher hat, während Trump mit 191 Wahlmänner-Stimmen in den Wahlkampf steigt. Unter dem Strich entscheiden deshalb nur zehn Staaten den Ausgang der Präsidentenwahl. Ein Blick auf die Zahl der Wahlwerbespots für die beiden Kandidaten zeigt, dass Florida, Nevada, North Carolina, Ohio und Pennsylvania zur Kerngruppe dieser «Swing States» gehören. Mit einem Sieg in all diesen Staaten und den republikanischen Hochburgen wäre Trump der nächste Bewohner des Weissen Hauses.

Von diesem Ziel ist er allerdings weit entfernt. Am besten sehen die Umfragen für ihn in North Carolina (15 Wahlmänner-Stimmen) und Nevada (6) aus: Hier ist der Republikaner mit der Demokratin praktisch gleichauf. In Florida (29) scheint die Lage unübersichtlich: Einige Demoskopen sehen Clinton mit einem Vorsprung von bis zu sechs Punkten vorne, während andere einen Trump-Vorsprung von zwei Punkten berechnet haben. In Ohio (18) liegt Clinton in den meisten Erhebungen knapp vorne – wohl auch, weil die lokale Republikanische Partei mit Trump äusserst hart ins Gericht geht. Am eindeutigsten ist das Bild in Pennsylvania (20): Sämtliche Umfragen aus der zweiten August-Hälfte prognostizieren eine Niederlage für Trump mit einem Rückstand von bis zu sieben Prozentpunkten.

Diese Zahlen sind nicht in Stein gemeisselt. Aber grundsätzlich gilt: Trump weist einen beträchtlichen Rückstand auf Clinton auf, Kurskorrektur hin oder her.