«Tamedia-Wahlbefragung nutzt Reichweite der Newsportale für schnelle Ergebnisse»: So kündigte der Zürcher Medienkonzern zwei Tage vor den eidgenössischen Parlamentswahlen im Oktober 2015 die Zusammenarbeit mit der Firma «Sotomo» von Politgeograf Michael Hermann an. Mit gewichteten Online-Umfragen analysierten Hermann und sein Team um Politologe Thomas Milic für die Tamedia-Medientitel in allen drei Landesteilen die soziodemografischen Merkmale der Wählerinnen und Wähler. «Rasch und fundiert» könne damit über Fakten und Hintergründe der Wahlergebnisse berichtet werden, lobte Tamedia – und löste dieses Versprechen auch ein: Nur vier Tage nach dem Wahltag lagen zum Beispiel umfassende Analysen über das Wahlverhalten der Jungen vor.

Die Idee, für Nachwahl-Umfragen die Reichweite der Online-Portale von Tamedia zu nutzen, hatte Michael Hermann selbst. Nach anfänglicher Skepsis konnte der Politikwissenschafter Tamedia-Verleger Pietro Supino von dem Projekt überzeugen. Auch bei den letzten Abstimmungen am 28. Februar – unter anderem zur SVP-Durchsetzungsinitiative – betrieb «Sotomo» mit dieser Methode Wählerforschung.

Damit ist jetzt Schluss, wie Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen. Auf der «Tages-Anzeiger»-Redaktion ist mit Unmut zur Kenntnis genommen worden, dass Tamedia «Sotomo» den Auftrag für die Wahlbefragungen entzogen hat – und künftig das Politologen-Duo Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen damit beauftragt. Die Newcomer haben sich bei «20 Minuten» mit gewichteten Online-Umfragen für Abstimmungsprognosen einen Namen gemacht und lassen sich im Gegensatz zu «Sotomo» exklusiv an Tamedia binden.

Michael Hermann bestätigt auf Anfrage die Auflösung der Zusammenarbeit mit Tamedia: «Mir war die Unabhängigkeit wichtig, auch die wirtschaftliche. Tamedia wünschte sich Exklusivität.»

Die Haltung des Verlegers
Beim «Tages-Anzeiger» sorgt der Entscheid von Verleger Supino auch deshalb für Kritik, weil dahinter nicht zuletzt politische Gründe vermutet werden. Genährt wird diese Vermutung dadurch, dass der Verleger seine Haltung, sich nicht in redaktionelle Belange einzumischen, jüngst spürbar aufgegeben hat. So verlangte er, dass dem linksliberalen Kolumnisten Daniel Binswanger beim «Magazin» ein rechter Kommentator zur Seite gestellt wird. Sein Wunschkandidat: «Basler Zeitung»-Chef Markus Somm, der jedoch absagte.

Seit 2009 schreibt auch Hermann regelmässig Kolumnen – für den «Tages-Anzeiger». Diese sollen Supino dem Vernehmen nach zuletzt allzu pointiert ausgefallen sein. Tatsächlich kündigte Hermann in seiner ersten Kolumne nach dem Ja zur SVP-Masseneinwanderungsinitiative sein «Ende» als «kühler Denker» an. Mit kühlem Denken lasse sich dem «neuen Chauvinismus» nicht begegnen, schrieb Hermann, und weiter: «Manchmal ist neutral nicht neutral, manchmal bedeutet der Verzicht auf Wertung nicht Wertfreiheit, sondern Applaus den Gewinnern.»

Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer sagt auf Anfrage, dass die «Trennung von Daten-Erhebung und Daten-Kommentierung» für Leemann und Wasserfallen sprach: «Wichtig ist jedoch zu betonen, dass es ein Entscheid für Leemann und Wasserfallen war und nicht gegen Hermann und sein Team.»

Hermann dagegen ist überzeugt, dass die Daten-Erhebung und die Einordnung der Resultate zusammengehören, «gerade bei Nachwahl-Umfragen, wie wir sie gemacht haben». Seine Kolumne im «Tages-Anzeiger» führt er weiter.

Gegendarstellung
In ihrer Ausgabe vom 1. Mai 2016 titelte die Schweiz am Sonntag: «Hermann verliert Prestige-Auftrag der Tamedia - Weil er pointiert kommentiert, darf der Politgeograf nicht mehr analysieren.» Diese Behauptung ist falsch. Richtig ist, dass Tamedia den Analyse-Auftrag nicht weiterführte, weil sich Michael Hermann zu keiner Exklusivität gegenüber Tamedia verpflichten wollte.
Tamedia AG
Die Redaktion der "Schweiz am Sonntag" hält an ihrer Darstellung fest.