An der heimtückischen Viruskrankheit Hepatitis C leiden in der Schweiz rund 83 000 Menschen. Das Beunruhigende: Nur die Hälfte von ihnen weiss, dass sie infiziert sind. Die Krankheit verläuft oft still. Zwei, drei Jahrzehnte lang treten kaum Symptome auf. Macht sie sich schliesslich bemerkbar, ist die Leber bereits schwer geschädigt. Leberzirrhose, Leberversagen, Leberkrebs sind bei 30 Prozent der Patienten tödliche Spätfolgen.

Für Philip Bruggmann, Präsident der Expertengruppe für virale Hepatitis und Chefarzt an den Arud Zentren für Suchtmedizin in Zürich, steht fest: «Wenn die Hälfte der Betroffenen nicht weiss, dass sie die Krankheit in sich tragen, haben wir hierzulande ein Testproblem.» Bis jetzt machten Ärzte nur sogenannte Risiko-Patienten auf einen Virus-Test aufmerksam. Also Menschen, die irgendwann im Leben Drogen gespritzt oder gesnifft haben, Blutprodukte vor 1990 erhalten haben oder sich ungenügend steril tätowieren oder piercen liessen.

Als mögliche Lösung schlägt Bruggmann vor, dass Ärzte allen zwischen 1955 und 1974 Geborenen einen Hepatitis-C-Test anbieten sollten. «Diese Jahrgänge sind überdurchschnittlich häufig betroffen», begründet Bruggmann. Eine neue Untersuchung von 45 037 Patienten zeige, dass die heute 40- bis 60-Jährigen 61 Prozent aller Hepatitis-C-Erkrankten ausmachen. Die hohe Zahl hängt zum einen damit zusammen, dass diese Jahrgänge eher in Kontakt mit dem intravenösen Drogenkonsum kamen, aber auch nicht getestete Bluttransfusionen vor den 90er-Jahren erhielten. Ebenfalls gibt es Immigranten in diesem Alter, die wegen unhygienischer Impfungen belastet sind.

Bruggmann ist überzeugt: Würden Ärzte 1955 bis 1974 Geborene auf den Test hinweisen, könnte die Krankheit erkannt und behandelt werden, bevor Leberkrankheiten entstehen. Der Chefarzt schränkt aber ein, dass ein Testen anhand von Jahrgängen nur durchführbar ist, wenn den positiv Getesteten eine Therapie angeboten wird.

Und hier gibt es einen Haken. Zwar ist in der Schweiz seit diesem Frühling ein hochwirksames Medikament gegen Hepatitis C verfügbar, doch es ist für eine breite Anwendung zu teuer. 19 208 Franken kostet eine Packung mit 28 Tabletten – fast 700 Franken pro Pille. Auf den Markt gebracht hat das Medikament mit dem Namen Sovaldi der US-Pharmahersteller Gilead. Weil nach zwölf Wochen fast 90 Prozent der Patienten geheilt sind, wird Sovaldi in der Gesundheitsbranche als Wunderpille gepriesen. «Doch der Preis ist unangebracht hoch», sagt Bruggmann und kritisiert damit Gilead, die auch Forschungsprojekte von Arud unterstützt.

Zwar kommt die Grundversicherung für Sovaldi auf, aber es gibt Verschreibungsbeschränkungen: Nur jene Patienten erhalten eine Vergütung, deren Leber bereits stark angegriffen ist oder deren Hepatitis weit fortgeschritten ist. So entstehen jährlich Kosten für rund 1500 Patienten und nicht für 83 000. Das entspricht knapp 85 Millionen statt 6 Milliarden Franken.

«Das ist aber kurzfristig gerechnet», sagt Bruggmann. Denn die Kosten für die Folgeerkrankungen seien deutlich teurer: Ein Patient mit Leberzirrhose kostet das Gesundheitswesen jährlich zwischen 2000 und 16 000 Franken. Für einen Patienten mit Leberkrebs belaufen sich die Kosten auf rund 13 000 Franken. Und eine Lebertransplantation schlägt mit rund 150 000 Franken zu Buche.

Hinzu kommt: Bis 2030 könnte sich die Zahl der Patienten mit schweren Leberschäden verdoppeln. Heute leiden knapp 10 000 Menschen an Leberzirrhose, 400 an Leberkrebs und 380 sterben an den Folgen von Leberkrankheiten. Doch das Bundesamt für Gesundheit hält an der Limitierung fest. Damit wolle sichergestellt werden, dass das Medikament nur diejenigen Patienten erhalten, bei denen der Einsatz wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sei.

Bis ein Generikum auf den Markt kommt, dauert es wohl noch zehn Jahre. So lange hält der Erstanmelderschutz für Sovaldi. Und so lange wird der Pharmakonzern den Preis nicht senken. «Zwar sind wir unglücklich über die Limitierung, aber wir sind überzeugt, dass der Preis gerechtfertigt ist», sagt André Lüscher, Geschäftsführer von Gilead.

Dem widerspricht Bruggmann. «Ein tieferer Preis würde keine Limitierungen hervorrufen, somit würde das Medikament viel häufiger eingesetzt werden. Das würde allen dienen, insbesondere den Patienten, in deren Interesse auch die Firma vorgibt, zu handeln.»

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