Auf den Satz musste Chandra Duncan lange warten. Im Frühling hiess es: «Sie sind geheilt.» Die 42-jährige Sachbearbeiterin aus Zürich kanns noch immer kaum fassen. «Vor einem halben Jahr hatte ich über eine Million Hepatitis-C-Viren im Blut und jetzt: null», sagt sie. «Unglaublich.»

Aber von vorn. Vor sieben Jahren lässt die alleinerziehende Mutter einen Gesundheits-Check-up machen. Sie fühlt sich ab und zu müde, doch eigentlich gesund. Allerdings stellt sich heraus, sie ist es nicht. Die Ärzte diagnostizieren bei Chandra Duncan die Infektionskrankheit Hepatitis C im Fibrosestadium 2. Maximal gibt es 4 Stadien. Ihre Leber ist bereits chronisch entzündet und mittelschwer geschädigt. Wird die Leberfibrose nicht behandelt, kann dies zu einem Tumor und schliesslich zum Tod führen.

Ein Schock. «Meine Kinder waren damals noch in der Primarschule, und kurz nach dem Befund starb ihr Vater», sagt Duncan. Ab sofort verzichtet sie auf Alkohol, bewegt sich viel und schaut akribisch auf eine gesunde Ernährung. Viel mehr kann Chandra Duncan damals allerdings nicht tun. Es fehlen wirksame Medikamente.

Das ändert sich 2014. Potente Medikamente kommen auf den Markt. Sie müssen zwölf Wochen eingenommen werden, danach sind 93 bis 100 Prozent der Patienten von Hepatitis C befreit. Der Haken: Die Preise sind exorbitant hoch. Die 12-Wochen-Therapie kostete damals rund 60 000 Franken. Zu viel, findet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und setzt eine Limitierung fest. Nur Patienten in Stadium 3 und 4 mit stark fortgeschrittener Lebererkrankung erhalten eine Therapie von den Krankenkassen vergütet.

«Die Limitierung ist inakzeptabel», sagt Beat Müllhaupt, leitender Arzt Hepatologie am Universitätsspital Zürich. Mittels einer klinischen Studie konnte er aufzeigen: Je weiter die Behandlung von Hepatitis C hinausgeschoben wird, desto höher ist das Risiko von Leberversagen, Leberkrebs und Tod. Auch steigt die Gefahr von Diabetes, Depression sowie Schlaganfall oder Herzinfarkt. «Frühe Behandlungen können somit nicht nur schwere Hepatitis-Schäden, sondern auch die Kosten reduzieren», sagt Müllhaupt.

100 000 Betroffene
An der Viruskrankheit Hepatitis C leiden in der Schweiz zwischen 80 000 und 100 000 Menschen. Das Beunruhigende: Nur die Hälfte von ihnen weiss, dass sie infiziert sind. Die Krankheit verläuft oft still. Zwei, drei Jahrzehnte lang treten kaum Symptome auf. «Viele Menschen sind sich schlicht nicht bewusst, dass sie das Virus in sich tragen könnten», sagt Philip Bruggmann, Präsident der Expertengruppe für virale Hepatitis und Chefarzt an den Arud-Zentren für Suchtmedizin in Zürich.

Das Netzwerk Schweizer Hepatitis- Strategie hat deshalb neu einen Online-Risikotest aufgeschaltet. Er richtet sich insbesondere an die Jahrgänge 1950 bis 1985. «Sie sind überdurchschnittlich häufig betroffen», sagt Bruggmann. Denn erst 1989 haben Forscher Hepatitis C entdeckt.

Dies wurde auch Chandra Duncan zum Verhängnis. Sie brach sich als 14-Jährige beim Skifahren den Oberschenkel und brauchte Blut. «Dabei wurde ich infiziert», sagt sie. Bis 1990 wurden weder Blutreserven auf Hepatitis C getestet, noch war ein genügender Grad an Sterilität beispielsweise in Praxen und Spitälern vorhanden.

Die Krankheit wird via Blut übertragen. Das Heimtückische: Die Viren überleben auch in minimalsten Blutresten ausserhalb des Körpers für Stunden, teilweise sogar für Tage. Also auf Scheren bei der Pedicure, Untersuchungsgeräten im Spital – sofern diese nicht ausreichend sterilisiert werden. Doch Bruggmann beruhigt: «Heute ist die Ansteckungsgefahr in der Schweiz nicht sehr gross.»

Problematisch sei allerdings, dass viele nicht wüssten, dass sie bereits infiziert seien. Schwere Lebererkrankungen würden daher in den nächsten Jahren stark zunehmen, «sofern wir nicht vermehrt testen und mehr Personen behandeln können». Das Ziel sei, das Virus in der Schweiz bis 2030 zu eliminieren. Heute sterben dreimal mehr Menschen an den Folgen von Hepatitis C als von HIV.

Allerdings besteht Hoffnung, dass sich der Hepatitis-C-Medikamente-Markt doch noch bewegt. Die Pharmaindustrie senkte 2015 die Medikamentenpreise in der Schweiz um rund 20 Prozent. Im Gegenzug lockerte das BAG die Rationierung. Neu können Ärzte die Medikamente auch bei Patienten im Fibrosestadium 2 verschreiben und von den Kassen vergüten lassen.

Ein Glück für Chandra Duncan. Im vergangenen September konnte sie ihre Therapie beginnen. Die Krankenkasse zahlte. Zwölf Wochen später war sie geheilt. «Ich bin unendlich dankbar. Aus eigener Tasche hätte ich das nie zahlen können», sagt sie. Heute geht es ihr so gut wie schon lange nicht mehr.

Generika aus Indien
Stadium-1-Patienten sind allerdings noch immer von der Therapie ausgeschlossen. Können sie die rund 50 000 Franken nicht selbst bezahlen, sehen sich zu unkonventionellen Mitteln gezwungen. So importieren einige Betroffene Generika beispielsweise aus Indien. Legal, zum Preis von 1500 Franken.

«Es ist dringend notwendig, dass die Herstellerfirmen und das BAG an einen Tisch sitzen, mit dem Ziel, die Preise massgeblich zu senken und gleichzeitig die Rationierung aufzuheben», sagt Bruggmann. Nur so könne die Krankheit ausgerottet werden. In Frankreich, Spanien oder Australien kam es bereits zu Einigungen. So kostet in Australien eine Therapie noch 15 000 Franken.

Der US-Hersteller Gilead, der mehrere Medikamente auf den Markt gebracht hat, zeigt sich kooperativ: «Bereits die Medikamente, die neu im Markt zugelassen werden sollen, werden günstiger sein», verspricht André Lüscher, Schweizer Geschäftsführer von Gilead.

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