Von Andreas Frey

Grau, düster, kalt: Zum Ende zeigt sich der November, wie man ihn eigentlich erwartet. Die warmen Tage sind endgültig gezählt, die Schweiz fühlt sich an wie ein gigantischer Kühlschrank. Die Temperaturbilanz wird das allerdings nicht mehr ändern. Der November wird im Vergleich mit dem Klimamittel von 1981 bis 2010 voraussichtlich 3,3 Grad zu warm ausfallen, teilt Meteo Schweiz mit.

Auch die Herbstbilanz ist stark positiv – mit einem Wärmeplus von 2,2 Grad ist es der zweitwärmste Herbst der Wettergeschichte. Damit liegt das Spätjahr im Trend. Trotz des miesen Sommers, den wir noch immer in schlechter Erinnerung haben, steuert das Jahr 2014 auf einen Wärmerekord zu.

Ob das Jahr aber tatsächlich Geschichte schreibt, hängt vom Dezember ab. Dafür müsste der erste Wintermonat etwa ein Grad wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 ausfallen, um den bisherigen Rekordwert von 8,4 Grad aus dem Jahr 2011 zu brechen. «Es bestehen recht gute Chancen, dass das Jahr 2014 in der Schweiz zum Temperatur-Rekordjahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1864 wird», sagt der Klimatologe Stephan Bader von Meteo Schweiz. Einzig sibirische Kaltluft könnte den Wärmerekord noch zunichtemachen – danach sieht es aber nicht aus.

Keine grosse Überraschung ist die Wärme für Meteorologen. Seit Monaten wundern sie sich über eine wie einbetonierte Wetterlage. Mitteleuropa erlebt dadurch eine kleine Warmzeit. Seit Ende des vergangenen Jahres reisst der Zustrom subtropischer Warmluft nicht ab. Und nicht nur in der Schweiz ist es so warm. Auch weltweit könnte 2014 einen Temperaturrekord erreichen.

Die Ursache machen Wetterforscher in einigen Kilometern über dem Boden aus. «Die Höhenströmung kommt einfach nicht vom Fleck», sagt der Meteorologe Lars Kirchhübel vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Die Lage des polaren Jetstreams sei beinahe das ganze Jahr identisch. Die Folge: Das Wetter wiederholt sich.

Und wie! In Nordamerika hat die eingespielte Wetterlage vergangene Woche erneut zu einem heftigen Wintereinbruch geführt, einige Städte an den Grossen Seen wurden regelrecht eingeschneit. Zudem schüttete es in Norditalien, im Tessin und in Südfrankreich unaufhörlich. Ganze Landstriche standen unter Wasser und Hänge rutschten zu Tal, während der Föhn auf der Alpennordseite Sommerfeeling verbreitete.

Das ist kein Zufall. Die Ereignisse hängen zusammen. Die Nordhalbkugel ist von einem Starkwindband umgeben, dem polaren Jetstream, der das Wetter in den mittleren Breiten prägt. Er weht wegen der Erdrotation von West nach Ost in Wellen um die Erde. Normalerweise bilden sich fünf bis neun solcher kurzer Wellen über der Nordhalbkugel aus. In diesem Fall ist die Temperaturdifferenz zwischen Nord und Süd gross, und es herrscht in Europa die bekannte Westwindwetterlage vor. Als Folge wandern Tiefdruckgebiete im sogenannten Polarwirbel rasch um die Erde – das Wetter ist wechselhaft und ändert sich schnell.

Seit einiger Zeit jedoch buchtet der Jetstream in wenigen grossen Schleifen weit nach Norden und Süden aus. Es kann unter diesen Wellen je nach Lage anhaltend sehr warm oder eben sehr kalt werden. Die klassische Westwinddrift ist blockiert, der Einfluss von nördlichen oder südlichen Winden dominiert. «Meridional» nennen Meteorologen das, weil das Wetter entlang der Meridiane, also der Längengrade bestimmt wird.

Das Schlingern des Jetstreams bremst zudem die Höhenströmung aus, die Wellen bleiben bevorzugt an Ort und Stelle liegen. Wo es trocken ist, droht Dürre. Wo es regnet, hört es nicht mehr auf. Das Wetter wird extrem, es ändert sich kaum noch, weil sich die Wellen nicht mehr verlagern können. So war es beispielsweise im Hitzesommer 2003 und im eisigen Winter 2009/2010.

Seit dem Sommer vor einem Jahr überwiegen solche Südlagen in Mitteleuropa, so erklären sich auch die hohen Temperaturen. «Einige Monate gab es sogar überhaupt keine Westwinde mehr», sagt Meteorologe Kirchhübel. Lediglich 13 Prozent beträgt bisher deren Anteil im Jahr 2014. Mehr als die Hälfte aller Wetterlagen waren hingegen meridional geprägt.

Seit fünf Jahren nähmen Westlagen ab, sagt der Fachmann. Müssen deshalb die Lehrbücher umgeschrieben werden? Immerhin steht in jedem Standardwerk, das Wetter in Mitteleuropa komme hauptsächlich aus Westen.

Um den Wandel zu erklären, kursieren verschiedene Hypothesen. So führten zahlreiche Forscher die sich häufenden kalten Winter seit 2009 sowie Wetterextreme im Sommer auf die asymmetrische Erwärmung der Nordhalbkugel durch den Klimawandel zurück. Da sich die Arktis stärker aufheizt als mittlere Breiten, könnte die verringerte Temperaturdifferenz den Jetstream schwächeln lassen, sodass er sich ausbeult und stecken bleibt.

«Die Rolle dieser arktischen Verstärkung sollte aber nicht überbewertet werden», sagt der Meteorologe Andreas Bott vom Karlsruhe-Institut für Technologie. Die starke Erwärmung der Arktis spiele sich ja nur in unteren Luftschichten ab. Der Weltklimarat erwartet sogar eher, dass der Jetstream wieder Fahrt aufnimmt, weil sich die Luft in der mittleren Troposphäre in den Tropen am stärksten erwärmt.

Diskutiert wird auch die Rolle der Ozeane, die seit Mai 2014 so warm sind wie noch nie seit Beginn der Temperaturaufzeichnung. Da die Meere Wärme an die Atmosphäre abgeben und damit das Wetter beeinflussen, könnte auch dieses Phänomen eine Erklärung für die träge Höhenströmung sein. Ein klarer Verursacher der einbetonierten Wetterlage und merkwürdig schlingernden Höhenströmung lässt sich daher nicht einfach ausmachen. Dafür sind die Zusammenhänge und Austauschprozesse zwischen Himmel, Erde und Ozean zu komplex. «Insgesamt ergibt sich eine nur schwer oder überhaupt nicht vorherzusagende Entwicklung», sagt Meteorologe Andreas Bott.

Im Gegensatz zum aktuellen Wetter, denn da tut sich derzeit etwas. Am Boden sickert in den kommenden Tagen kalte Festlandsluft ein, die dem Osten sogar Dauerfrost beschert. «Ein klassischer Wintereinbruch ist das allerdings nicht», sagt Meteorologe Lars Kirchhübel. Noch bleibt es in der Höhe verhältnismässig mild.

Die grossen Kühlkammern der Nordhalbkugel sind nach wie vor Nordamerika und wie gewohnt Sibirien. Eine rasche Rückkehr zum bekannten, für Mitteleuropa milden Wettermuster der jüngsten Zeit würde deshalb nicht überraschen. Schon mehrfach hat sich die Südströmung über Europa in den vergangenen Monaten zurückgemeldet.

Und was bedeutet das jetzt für den Winter? Ein milder ist wahrscheinlicher als ein kalter. Mehr lässt sich bisher nicht sagen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper