Von Anna Kappeler

Letztes Jahr haben in der Schweiz so wenig Leute geheiratet wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Das sind 3154 Hochzeiten weniger als 2012. Laut neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) ist dies der stärkste Rückgang seit Mitte der 70er-Jahre. Doch warum ist der seit Jahren anhaltende Heirats-Trend 2013 plötzlich eingebrochen? «13 gilt als Unglückszahl», sagt die Präsidentin des Verbands Unabhängiger Schweizerischer Hochzeitsplaner, Evelyne Schärer. «Es kann gut sein, dass viele Leute deshalb mit ihrer Hochzeit bis 2014 warten.»

Beim Trauring-Hersteller FurrerJacot in Schaffhausen klingt es ähnlich: «Heiraten ist stark mit Wunschvorstellungen verbunden, deshalb reagiert man diesbezüglich sehr abergläubisch. Zumal die Zahl 13 ja nicht gerade Glück bringen soll», sagt die Produktverantwortliche Claudia Christener. Dies schlägt sich in den Verkaufszahlen nieder: 2013 ist der Umsatz deutlich gesunken. Dieses Jahr zeigen die Zahlen bereits wieder nach oben.

Einer, der seit 20 Jahren zum Thema Aberglaube forscht, ist Peter Brugger. Er ist Leiter der Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich. Dass sich ein sogenanntes Unglücksjahr wie 2013 in abnehmenden Heiratszahlen spiegelt, erstaunt ihn nicht. «Obwohl wir uns gerne rational geben, ist der Aberglaube tief in uns allen verwurzelt», sagt Brugger. Darauf angesprochen, würden die Heiratswilligen den Grund für das Verschieben der Hochzeit wohl herunterspielen. «Abergläubisch zu sein, gilt als peinlich.»

Und doch ist das Phänomen Aberglaube bei uns noch immer verbreitet: «Ich schätze, dass ein Drittel der Schweizer ‹spielerisch abergläubisch› ist. Diese Leute glauben etwa, dass vierblättriger Klee Glück oder eben die Zahl 13 Unglück bringt», sagt Brugger. Aberglaube ist für ihn die Neigung, einen Zusammenhang dort zu sehen, wo Ereignisse zufällig aufeinandertreffen.

Offizielle Zahlen zum Thema Aberglaube in der Schweiz gibt es keine. Ein Blick über die Landesgrenze hinweg nach Deutschland zeigt: Laut einer Langzeitstudie des Instituts für Demoskopie in Allenspach fürchtet sich mehr als jeder vierte Deutsche vor der Zahl 13. Die schwarze Katze, die den Weg von links kreuzt, bedeutet ebenfalls für jeden Vierten Ungutes. Und im vierblättrigen Klee sieht sogar fast jeder Zweite einen Glückbringer. Abergläubisch ist man laut Neurologe Brugger übrigens deshalb, weil viele andere auch daran glaubten und dies gewissermassen kollektives Wissen sei.

Bedenklicher als dieser «spielerische Aberglaube» sei laut Brugger aber etwas anderes: «Bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung geht der Aberglaube ins Pathologische. Bei diesen Personen muss man sich Sorgen um die Gesundheit machen», sagt der Hirnforscher. Er hat mehrere Tests zum Thema paranormale Phänomene mit Studenten durchgeführt. «Dabei hat es mich erschüttert, wie viele Probanden Aussagen wie ‹Ich könnte lernen, Gedanken zu lesen, wenn ich das denn wollte› bejahten», sagt Brugger.

Neuropsychologische Experimente zeigen gemäss Brugger: Abergläubische Menschen assoziieren mehr und schneller als die sogenannt Normalen. In einem bedeutungslosen Tintenklecks oder einer zufällig computergenerierten Zahlenabfolge sehen sie viel mehr als Skeptiker. «Unser Hirn ist zwar darauf ausgelegt, Zusammenhänge herzustellen. Das ist überlebenswichtig. Doch Abergläubische stellen auch dort Bezüge her, wo keine sind», erläutert Brugger. Aberglaube habe wenig mit Intelligenz oder Bildung zu tun und komme bei Ungelernten und Akademikern etwa gleich häufig vor.

In diesem Jahrtausend habe, so Brugger, der Glaube an paranormale Kräfte wie etwa Gedankenlesen eindeutig zugenommen. In den 1970er-Jahren sei das bereits einmal in Mode gewesen, danach jedoch wieder verschwunden.

Auswirkungen von Aberglaube sind auch im Alltag immer wieder anzutreffen: So hat etwa die Swiss keine 13. Flugreihe, und im Universitätsspital Zürich gibt es in der Regel keine Patientenzimmer mit der Nummer 13. Das könnte daran liegen, dass man sein Leben in beiden Situationen in die Hände anderer legen muss.

Neuere Hochhäuser wie der Zürcher Primetower oder der Basler Messeturm hingegen haben einen 13. Stock. Bruggers Erklärung: «Die Entscheide dazu fällt nicht eine Einzelperson, sondern ein Gremium. Da regiert die Vernunft. Obwohl ein Teil davon privat niemals im 13. Stock wohnen oder arbeiten würde, gibt das im Plenum niemand zu.» Man wisse, dass es für diese Furcht keine rationale Erklärung gebe – und schweige.

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