Es war alles vorbereitet. Dann der Schock für den Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS): Die Behörden haben die Genehmigung für seine Jahreskonferenz in Freiburg Anfang Woche verweigert. «Mir liegen konkrete Hinweise vor, dass dieses Jahr die öffentliche Ordnung bei einer Durchführung nicht mehr gegeben wäre», sagt der verantwortliche Oberamtmann des Saanebezirks auf Anfrage als Grund. Ausserdem fehlte eine definitive Liste der Redner. Enttäuscht «ob dieser Behördenwillkür» zeigt sich der IZRS. «Der Wunsch nach einer eigenen Halle ist mit dem negativen Entscheid wieder dringlicher», sagt Sprecher Qaasim Illi.

Der IZRS ist nicht nur bei den Behörden umstritten, sondern auch in der islamischen Gemeinschaft selbst. Der oberste Muslim der Schweiz, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (FIDS), Hisham Maizar, sagt: «Wir kommunizieren nicht mit dem IZRS.» Fahrad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS), ergänzt: «Der Zentralrat stellt den Anspruch, dass von den muslimischen Verbänden nur er im Besitz einer einzigen Wahrheit ist. Das schafft Probleme und ist sektiererisch.»

In der Schweiz gibt es etwa 450 000 Muslime. Rund 5 Prozent sind praktizierend. In den Verbänden ist nun ein Streit darüber entbrannt, wer am meisten Mitglieder hat. Der IZRS nimmt für sich in Anspruch, die grösste islamische Organisation der Schweiz zu sein. Der Verein hat laut Sprecher Illi 3219 Mitglieder. Die beiden nationalen Dachverbände FIDS und KIOS sagen dazu: «Der IZRS vertritt sicher nicht die Mehrheit der Muslime», so Maizar. Laut Afshar gibt es in der Schweiz 300 Vereine. Diese führen 200 islamische Zentren. «Die etwa 15 Kantonalverbände haben sich wiederum zu den beiden nationalen Verbänden zusammengeschlossen.» IZRS-Sprecher Illi sagt: «Mit FIDS und KIOS haben wir Differenzen, es gibt aber auch Übereinstimmungen.»

Der Streit der muslimischen Verbände geht über die Anzahl Mitglieder hinaus. «Die beiden nationalen Verbände sind eher Rivalen. Sie arbeiten aber zusammen, seit sie im IZRS einen gemeinsamen Konkurrenten haben», sagt der Islamwissenschafter Andreas Tunger. Der IZRS tritt viel radikaler auf als die Mehrheit der Muslime. Afshar von der KIOS sagt: «Ideologisch orientiert sich der Zentralrat an der salafistischen Richtung des Islams. Der IZRS selber ist nicht gefährlich, aber seine Interpretation des Islams ist es.»

Diese Einschätzung teilt Wissenschafter Tunger. Als dschihadistisch könne der IZRS nicht bezeichnet werden, da er im Gegensatz etwa zum Islamischen Staat (IS) nicht zu Gewalt aufrufe. «Allerdings dürften sich im Dunstkreis des IZRS Leute mit dschihadistischen Sympathien finden.»

Wenig verwunderlich, hat der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) den IZRS als radikale Gruppierung eingestuft. Peter Regli, der ehemalige Chef des NDB, hält fest: «Bezüglich Anhänger des IS reden wir von einer gewaltbereiten Minderheit, die einer Hirnwäsche unterzogen wurde. Da spielen Leute wie Nicolas Blancho und Qaasim Illi des IZRS auch eine wichtige Rolle.» Das kürzlich ausgestrahlte Gespräch von Blancho beim TV-Talk «Schawinski» habe gezeigt, wie aalglatt und deshalb gefährlich Blancho sei. Laut IZRS-Sprecher Illi ist der Verein aber noch nie damit konfrontiert worden, dass er gefährlich sei.

Der IZRS weiss, wie er durch provokante Methoden Medienpräsenz generieren kann, welche die Mitgliederstärke bei weitem übersteigt. Das empört Maizar von der FIDS: «Es nervt, dass der IZRS so viel Medienecho bekommt.»

Der IZRS provoziert weiter. Gestern berichtete die «Neue Luzerner Zeitung», wie der Verein vor Fussgängern einen Propagandafilm für die Jahresversammlung drehte. «Auch wenn die 60 muslimischen Statisten wohl kaum nach Syrien ausbrechen würden, manövriert sich der IZRS mit dieser Aktion in die radikale Ecke», sagt Wissenschafter Tunger.

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