Die Zukunft lässt nicht mehr lange auf sich warten: Diesen Sommer noch sollen in Sions Innenstadt selbstfahrende Kleinbusse Passagiere befördern. Erste Tests haben die Mini-Postautos bereits erfolgreich absolviert. Die Post wartet nur noch auf die Bewilligung und feilt an letzten technischen Details.

Ausgerechnet im Wallis, diesem oft als rückständig empfundenen Bergkanton, wird der Verkehr revolutioniert. Aber nicht nur hier. Auf deutschen Autobahnen fahren bereits erste autonome Lastwagen. Und in den USA sind die Google-Autos unterwegs. Noch befinden sich all diese Projekte im Testbetrieb, noch fährt immer ein Mensch mit. Er könnte im Notfall eingreifen.

Doch das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Davon überzeugt sind nicht nur die Technik-Enthusiasten im Silicon Valley, sondern etwa auch der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt, der kürzlich prophezeite, dass sich selbstfahrende Autos verbreiten werden wie Smartphones.

Vor wenigen Jahren zweifelten die grossen Autobauer noch. Doch mittlerweile haben schon fast alle Prototypen entwickelt, die sie unter Hochdruck zur Serienreife bringen wollen. Sie wissen: Wenn Sie den Trend ignorieren, werden sie von Firmen wie Google, Apple, Uber und Tesla überrollt, die alle an der Mobilität der Zukunft werkeln.

Achtmal weniger Autos nötig
Wie dringend ein neues Verkehrssystem ist, zeigen ein paar Zahlen: Jährlich sterben 1,2 Millionen Menschen an den Folgen von Unfällen im Strassenverkehr. Es gibt 1,2 Milliarden Autos; 23 Stunden am Tag steht ein Auto jedoch bloss rum. Die Parkplatzsuche in Städten verursacht einen Drittel des Verkehrs. 30 Prozent der CO2-Emissionen in der Schweiz gehen auf den Strassenverkehr zurück. Kurz: Wohl kein anderes System ist so ineffizient, gefährlich und umweltschädlich wie der Verkehr.

Selbstfahrende Autos könnten für mehr Sicherheit auf den Strassen sorgen und dank ihrem Elektroantrieb auch für saubere Luft. Vor allem aber haben sie das Potenzial, den Verkehr völlig neu zu organisieren: Als ein System von permanent herumkurvenden Roboterautos, die man per App zu sich rufen kann. «Das Auto wird zum Anhängsel des Smartphones werden», sagt der Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ein eigenes Auto zu haben, ist überflüssig, ein Smartphone reicht.

Autonome Autos könnten dem Carsharing zum Durchbruch verhelfen und den Verkehr drastisch minimieren. Der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin meint, dass achtmal weniger Fahrzeuge für dieselbe Mobilität benötigt werden. Und in einer Studie für die Stadt Lissabon ermittelten Forscher, dass die Anzahl Autos von derzeit 203 000 auf 26 000 reduziert werden kann.

Die neue Mobilität könnte auch den herkömmlichen öffentlichen Verkehr obsolet werden lassen. Wer will noch auf einen Linienbus mit Chauffeur warten, wenn er einfach ein Robotaxi zu sich rufen kann?

Selbstfahrende Kleinbusse, wie sie bald im Wallis getestet werden, könnten das Pendant der Post zu Roboautos von Carsharing- und Taxi-Unternehmen wie Uber sein. Die Mini-Postautos zählen 15 Plätze und sind mit der Plattform für Flottenmanagement des Lausanner Start-ups BestMile vernetzt. Dieses verbindet die Busse mit den Smartphones der Passagiere und optimiert das Verkehrssystem. «Unsere Software findet selbstständig den effizientesten Weg für die Fahrzeuge, um die Fahrgäste abzuholen und an den gewünschten Ort zu bringen», erklärt Maud Simon von BestMile.

Bereits hat das Start-up eine App entwickelt, mit der man ein Fahrzeug zu sich rufen kann. Wenn das System einmal ausgereift ist, wird Busfahren anders sein: Die Passagiere müssen sich nicht mehr an den Fahrplan anpassen; der Fahrplan passt sich den Passagieren an.

Politiker im Agrarzeitalter
Doch wird das reichen? Ist die Schweiz bereit für die Konkurrenten aus dem Silicon Valley? «Überhaupt nicht», findet Peter Bodenmann. Der ehemalige SP-Präsident hat sich seit seiner Zeit als Nationalrat und Verkehrspolitiker in sein Hotel in Brig zurückgezogen. Dort beschäftigt er sich intensiv mit den Auswirkungen der bevorstehenden Revolution auf der Strasse. Er sagt: «Was uns fehlt, ist ein übergeordnetes Konzept für die neue Mobilität.» Kein Schweizer Politiker habe das Thema erkannt. In der Diskussion um die zweite Gotthardröhre sei das selbstfahrende Auto weder bei Politikern noch bei Journalisten Bestandteil des Argumentariums gewesen.

Und nun steht bereits die nächste Verkehrsabstimmung an. Und sie heisst nicht etwa «Auto 2.0», sondern «Milchkuhinitiative». «Ja, sind wir denn in der Agrargesellschaft stehen geblieben», fragt Bodenmann.

Wenn sich die Post und die SBB nicht auf die neue Situation einstellten, würden sie von Google, Apple und Uber an die Wand gedrückt, ist Bodenmann überzeugt. Anders sieht das SBB-Präsident Ulrich Gygi. Er könne sich nicht vorstellen, dass selbstfahrende Autos Züge irgendwann obsolet machen würden, sagte er diese Woche in der «Berner Zeitung». «Aber vielleicht fahren unsere Kunden künftig mit einem selbstfahrenden Auto zum Bahnhof.»

Für Bodenmann ein krasser Denkfehler: Warum sollen die Passagiere umsteigen, wenn sie im selbstfahrenden Auto komfortabel schlafen oder arbeiten können? Die SBB müssen sich «subito neu erfinden», fordert Bodenmann. Es brauche kleine, vielleicht 20 Meter lange Kompositionen, die autonom und permanent unterwegs sind und die Passagiere, ohne Umsteigen zu müssen, an den Zielbahnhof bringen.

Vertrauen in Software
Auch Verkehrsforscher Thomas Sauter-Servaes sagt: «Das was die SBB bisher machten, wird in Zukunft nicht reichen.» Es herrscht derzeit so viel Dynamik auf der Strasse, warum sollte da einer auf die Schiene setzen?

Doch die Dynamik auf der Strasse könnte auch unerwünschte Folgen haben. Was passiert, wenn sich plötzlich jeder ein selbstfahrendes Auto anschaffen wird? Dann würde die Innovation den Verkehr nicht verringern, sondern womöglich gar erhöhen. Wir könnten dann zwar im Auto lesen, wenn wir im Stau stehen, würden aber noch immer im Stau stehen. «Es wäre eine Schande, wenn wir aus dieser grossartigen Technologie nicht mehr machen würden», sagt Maud Simon von BestMile.

Die Technik allein wird unsere Verkehrsprobleme nicht lösen. «Entscheidend wird sein, ob die Menschen bereit sein werden, Autos zu teilen», sagt Sauter-Servaes. Am besten, so findet der Mobilitätsforscher, überlege man sich jetzt schon, wie man die richtigen Anreize schafft, damit die Menschen Autos teilen. Auf die Kooperation der Autoindustrie zu hoffen, wäre naiv. Denn auch wenn Autos autonom fahren, wollen natürlich VW, Toyota und Co. so viele Wagen wie möglich verkaufen.

Und es bleibt die Frage, ob die Menschen wirklich bereit sein werden, auf den Strassen ihr Leben einem Computerprogramm anzuvertrauen. Was passiert, wenn das selbstfahrende Auto einen Fehler macht? Werden die Menschen akzeptieren, dass ein Softwarefehler zu Verkehrstoten führen wird?

«Ja, das werden sie», ist Sauter-Servae überzeugt. Denn auch wenn autonome Autos nicht unfehlbar sind, so sind sie doch zuverlässiger als menschliche Fahrer. Sie schlafen nicht ein am Steuer und trinken keinen Alkohol. «Es wäre geradezu unverantwortlich» sagt der Mobilitätsforscher, «wenn wir diese technische Entwicklung nicht nutzen würden, um den Verkehr sicherer zu machen.»

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