Die Frage von «Arena»-Moderator Jonas Projer war unmissverständlich: «Muss man es akzeptieren, wenn ein Schüler sagt, er wolle der Lehrerin die Hand nicht geben?» Vom Präsidenten der Föderation islamischer Dachorganisationen (Fids) hätte man eigentlich ein klares «Nein» erwartet. Denn der wichtigste Muslim-Verband der Schweiz gilt als gemässigt und liberal. Doch Montassar Benmrad, erst seit vergangenem Sommer im Amt, wich der Frage vorgestern Freitagabend zuerst aus. Nachdem Projer sie wiederholt hatte, antwortete Benmrad: «Ja und nein.» Dann ergänzte er: «Ich würde sagen, eher nein. Auf der anderen Seite, wenn jemand solche Sachen sagt, würde ich eher mit ihm diskutieren.»

Der oberste Muslim im Land präzisierte gestern gegenüber der «Schweiz am Sonntag», er selber gebe Frauen die Hand und empfehle es den muslimischen Schülern ebenfalls, um Respekt gegenüber den Lehrpersonen zu zeigen. Benmrad wirbt aber um Geduld mit Muslimen, die es anders halten und denken, dass es respektvoll sei, die Hand eben gerade nicht zu geben. «Mit solchen Schülern sollte man den Dialog suchen», sagt Benmrad, «und ihnen erklären, dass es in der Schweiz ein Zeichen von Respektlosigkeit sei, die Hand nicht zu geben».

Eindeutig ist die Meinung von Emine Sariaslan. Sie ist Präsidentin des Forums für die Integration der Migrantinnen und Migranten, will ihre Aussagen aber als Privatperson machen. «Die Regeln an einer Schule und überhaupt in unserer Gesellschaft sollten für alle gelten.» Sie erlebe es an Schulen immer wieder, dass muslimische Kinder in einen Loyalitätskonflikt kämen, wenn sich die Regeln des Elternhauses von jenen der Schule unterscheiden. «Aber den Kindern ist mit Sonderregeln an Schulen nicht geholfen.»

Aus welchen Gründen Oberstufenschüler den Händedruck ablehnen, erklärt M. Muhammad Hanel, Mediensprecher der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). In einem Blog legt er ausführlich dar, was für das Berührungsverbot spreche: Es gehe um Höflichkeit, um Respekt und auch um «Hochachtung vor der selbstbestimmten Souveränität jedes Individuums». Bezogen auf die Schule ergänzt er: «Diese Regelung der höflichen Zurückhaltung gilt nicht für Kinder (Knaben oder Mädchen), sondern für adoleszente Menschen beiderlei Geschlechts. Also für geschlechtsreife junge Frauen und Männer gleichermassen in Hinblick auf das jeweils andere Geschlecht.»

Während die Debatte in der «Arena» nur theoretisch geführt wurde, gibt es im Kanton Baselland einen konkreten Rechtsfall: An der Sekundarschule Therwil BL weigerten sich zwei muslimische Schüler, ihrer Klassenlehrerin die Hand zu geben, worauf die Schulleitung eine «Vereinbarung» traf, wonach sie der Lehrerin die Hand nicht schütteln müssen. Die Öffentlichkeit wurde darüber bislang nicht informiert, die Schulleitung teilt auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag» mit, sie könne erst morgen Montag dazu Stellung nehmen. Einen ähnlichen Fall gibt es in Muttenz BL. Widerstand kommt vom Berufsverband der Baselbieter Lehrpersonen: Michael Weiss, Geschäftsführer des Lehrervereins Baselland LVB, hält die Therwiler Vereinbarung für einen Fehler: «Sie ist nicht in unserem Sinn.»

Die Schulleitung hat das kantonale Bildungsdepartement eingeschaltet. Sie erhofft sich vom Kanton Hinweise, wie man mit Handschlag-Verweigerern umgehen soll. Der Kanton arbeitet an einem Gutachten. Die zuständige Regierungsrätin Monica Gschwind (FDP) will sich nicht näher äussern, sondern sagt nur, ihr sei der Fall einer Schule bekannt.

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