Über zweihundert Männer knien Seite an Seite im Gebetsraum der König-Faysal-Moschee in Basel. Nach dem arabischen Singsang des Imams predigt ein bärtiger Basler auf Deutsch. Er ruft: «Der beste Weg ist der Weg des Mohammed. Der schlechteste Weg ist die Erneuerung der Religion.» Und er droht: «Dieser Weg führt ins Höllenfeuer.» Die Männer hören andächtig zu. Es riecht nach Herrenparfüm und Räucherstäbchen.

Nach dem Freitagsgebet versammelt sich eine Gruppe um den Imam. Neben ihm stehen seine Söhne. Es handelt sich um die Therwiler Sekundarschüler im Alter von 14 und 15 Jahren, die ihren Lehrern den Händedruck verweigern. Sie sind klein und schmächtig. Während manche Altersgenossen schon wie Männer aussehen, wirken sie noch wie Knaben.

Einer der Brüder zeigt seinem Vater auf dem Smartphone das Online-Portal von «Blick»: Darauf ist ein Facebook-Profil des Schülers abgebildet. Der Junge habe ein Propaganda-Video des Islamischen Staats gepostet. In roter Schrift steht: «Sind die Handschlag-Verweigerer aus Therwil BL Anhänger des IS?» Der Junge schüttelt den Kopf. Er habe nicht gewusst, dass es sich um ein IS-Video handle. Er habe es nur gepostet, weil ihm die hinterlegte Musik gefallen habe. Dass seine Facebook-Aktivitäten in den Medien landeten, ist ihm peinlich. Der Rummel scheint ihn aber nicht zu erdrücken. Es gehe ihm okay, sagt er.

Auch die Geschichte des verweigerten Händedrucks begann im Internet. Auf die Idee, Frauen nicht mehr die Hand zu geben, seien sie durch ein Online-Video gekommen. Ihren Vater hätten sie lediglich gefragt, ob dies tatsächlich so im Koran stehe, was er bestätigt habe. Die Brüder verabschieden sich mit einem Händedruck. Sie müssten noch ihre Hausaufgaben erledigen.

Zu den Protagonisten eines internationalen Medienhypes wurde das Brüderpaar nach einem Bericht der «Schweiz am Sonntag». Erwähnt wurde ein ähnlicher Fall aus Muttenz. Die Behörden des Nachbarkantons Basel-Stadt teilten umgehend mit, derartige Fälle seien ihnen nicht bekannt und würden nicht toleriert.

Ein konservativer Muslim, der in der König-Faysal-Moschee verkehrt, erzählt eine andere Version. Seine beiden Töchter besuchen die Basler Gymnasien Münsterplatz und Kirschgarten. Probleme hätten sie mit dem Schwimmunterricht, den sie verweigern und dafür jährliche Bussen von 750 Franken bezahlen. Doch für die Begrüssung hätten sie eine konfliktfreie Lösung gefunden. Bei der ersten Begegnung würden sie den Lehrern jeweils die Hand reichen. Danach würden sie ihnen erklären, dass sie sich künftig auf eine kontaktlose Art begrüssen möchten: Indem sie die rechte Hand auf die linke Brust legen. Diese Form werde von den Lehrern akzeptiert, erzählt der Vater.

Mehrere Lehrer bestätigen, dass der Händedruck in ihrem Schulalltag keine Rolle spiele. Wenn ein Muslim ihn verweigere, falle das nicht auf, da man sich in vielen Klassenzimmern ohnehin mit einem freundlichen Blick und einem «Guten Morgen» begrüsse.

Nachdem sich die König-Faysal-Moschee geleert hat, kreuzt das Integrationsteam der Basler Verwaltung auf. Die Beauftragte für Religionsfragen wartet draussen, während der Amtschef im Männerraum den Kontakt zum Prediger sucht. Der Termin sei lange im Voraus festgelegt worden. Anlass sei ein Anwohnerstreit. Nachbarn beklagten sich über Nachtruhestörungen. Die feurige Predigt hat das Integrationsteam verpasst.

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