Der Titel ist nüchtern gehalten und steht im Widerspruch zum explosiven Inhalt: «Forensische Psychiatrie und Ethik». So überschreibt Mario Gmür einen Gastbeitrag in der «Schweizerischen Ärztezeitung». Es ist eine Abrechnung, wie man sie unter Wissenschaftern noch selten gelesen hat. Im Zentrum steht die psychiatrische Forensik, bei der es um die Begutachtung psychisch kranker Straftäter geht. Die Bestandesaufnahme von Gmür – mit mehr als 400 Gerichtsgutachten eine Kapazität – ist vernichtend:

Psychatrieethische Standards würden «krass missachtet».
Die Diagnostik werde als Basis «für eine kriminalhygienische Säuberungsaktion benutzt».
In den Therapien mit Häftlingen gebe es «Drohungen, Herabsetzungen, Beleidigungen, Drangsalierung, zermürbende, an Gehirnwäsche grenzende Stereotypien».
Patienten und Angehörige schwiegen «aus Angst vor Repressalien».
Der Weg führe in ein «rechtsstaatliches Debakel».

Gmür ist Privatdozent an der Universität Zürich. Der Psychotherapeut gilt als kritischer, mitunter unbequemer Geist. Den Mann, auf den Gmür in seinem Artikel zielt, erwähnt er mit keinem Wort: Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. Gmür schafft gegenüber dem «Sonntag» Klarheit: «Ja, er ist für diese Entwicklung mitverantwortlich.»

Psychiater Urbaniok ist ein Star seiner Szene und hat das Risikoprognoseinstrument «Fotres» entwickelt. Mit einem aus 700 Kriterien bestehenden Katalog sollen gefährliche Täter erkannt werden. Gmür kritisiert diese Rückfall- und Gefährlichkeitsprognose seit Jahren harsch. Sein jüngster Artikel kommt einem Appell gleich. Gmür warnt davor, dass die Behandlung bei den Straftätern «meistens Verbitterung, Hass- und Rachegefühle hervorruft, die sich in neuem deliktischem Verhalten entladen können».

Mehr Verbrechen wegen Urbanioks Richtungsvorgabe? Im Gegenteil, sagt Jérôme Endrass, Urbanioks Leiter der Abteilung für Evaluation und Qualitätssicherung: «Diese puritanische Haltung hätte zur Konsequenz, dass 8 von 10 Sexual- und Gewaltstraftätern nicht behandelt würden. Dies hätte markant höhere Opferzahlen zur Folge.» Urbaniok selbst hält sich bewusst zurück, um nicht den Eindruck eines Schlagabtauschs aufkommen zu lassen. Doch das ist es längst geworden. Urbaniok hat sich schon geweigert, mit Gmür auf Podien aufzutreten. Der smarte Gutachter mit der sonoren Stimme und dem Ring am Ohr ist oft Gast in Talkshows.

Jetzt delegiert Urbaniok die heiklen Fragen. Er autorisiert Endrass jedoch zu deutlichen Aussagen über Gmürs Gastbeitrag, den er als «rein ideologisch» bezeichnet wird. Damit werde in Kauf genommen, so Endrass, «dass zum Beispiel ein Vergewaltiger mit ausgeprägten Vergewaltigungsfantasien während des Gefängnisaufenthalts nicht behandelt wird und das Gefängnis damit auch wieder als Person mit den gleichen Vergewaltigungsfantasien verlässt». Laut Endrass «ein Bärendienst für den Opferschutz». Die Rückfallgefahr könnte durch Therapien «eindeutig und nachweislich gesenkt werden».

Da schüttelt Gmür nur den Kopf und antwortet: «Die extremen Erwartungen des Mannes und der Frau von der Strasse an die Sicherheit können nicht erfüllt werden.» Er bleibt bei seinen massiven Vorwürfen, für die er Belege haben will, hält sich aber aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes bedeckt. Urbanioks Abteilungsleiter Endrass widerspricht vehement: «Den Missbrauch, wie er in diesem Artikel beschrieben und vermutet wird, können wir nicht feststellen.» Es werde niemand gezwungen, sich auf eine Therapie einzulassen.

Der neue Zürcher Justizdirektor Martin Graf (Grüne) scheut sich davor, die brisante Debatte aufzunehmen. «Das ist eine auf Fach- und nicht auf politischer Ebene geführte Diskussion», so Sprecher Michael Rüegg lapidar.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!