VON CLAUDIA MARINKA

Tatort Kinderhort Baby Paradise, Lugano TI. Vorwürfe: Es gab Ohrfeigen, kalte Duschen und die Kinder wurden gefesselt. Der Prozess war vergangene Woche.

Tatort Krippe Chinderhuus, Aarburg AG. Vorwürfe: Bis zu 50 Kinder unter Aufsicht einer Person, sie wurden geschlagen und zwangsgefüttert.

Zwei Orte, eine Gemeinsamkeit: Die Kindertagesstätten haben qualitative Massstäbe nicht erfüllt, die Kontrollen der Behörden schlugen fehl. «Mit Vorfällen wie denen in der Kinderkrippe in Aarburg muss man rechnen, wenn man keine vorgegebenen Richtlinien und keine Aufsichtsbehörde hat», sagt Ulla Grob-Menges, Geschäftsleiterin Verband Kindertagesstätten der Schweiz (Kitas): «Eine solche Kinderkrippe darf nicht weitergeführt werden, wenn sie nicht bereit ist, sich zu verändern.»

Schlimme Zustände, aber sie sind für die rund 1000 Horte und Krippen nicht repräsentativ. Trotzdem gibt es Mängel in den Schweizer Kindertagesstätten. Der Verband, dem 600 Mitglieder angehören, handelt nun. Der Verband entwirft ein Qualitätslabel: «Wir planen ein neues Gütesiegel für Kindertagesstätten. Ziel ist, dass es für Eltern künftig anhand dieses Qualitätslabels ersichtlich ist, welche Qualität ein Betrieb anbietet», sagt Grob. Für dessen Entwicklung hat der Verband 200000 Franken kalkuliert. Der Verband will mit Fachhochschulen und Universitäten zusammenarbeiten, um das Label dann erteilen zu können.

Aus gutem Grund: Die Zahl der nicht ausgebildeten Mitarbeiter ist hoch. «In der Deutschschweiz ist die Hälfte des Kita-Personals ohne fachliche Ausbildung. Das sind in den meisten Fällen Schulabgängerinnen, Praktikantinnen. Sie sind als Hilfspersonen einzustufen, aber sicher nicht als Fachkraft», sagt Grob. Im vergangenen Jahr wurden 1110 neue Lehrverträge ausgestellt. Seit dem Beginn der Ausbildung zur «Fachfrau/mann Betreuung» im Jahr 2006 hat sich die Zahl der Lehrverträge mehr als verdoppelt. Gesucht werden jetzt dringend Fachkräfte: «Wir würden allein für unsere Verbandsmitglieder rund 3000 ausgebildete Personen mehr brauchen», sagt Grob.

Dass es bei weitem nicht alle Kitas mit der Ausbildung so genau nehmen, musste Markus Guhn schon häufiger erfahren. Er hat vor zwei Jahren im Zürcher Stadtkreis 5 eine der grössten Kinderkrippen der Schweiz eröffnet – die Kita Regenbogen mit 65 Plätzen. «Wir hören in Vorstellungsgesprächen immer wieder von teilweise prekären Bedingungen. Wenn eine Kita unter Personalmangel leidet und kein fundiertes pädagogisches Konzept hat, ist auch von der Ausbildungsqualität nicht zu viel zu erwarten», sagt er.

Daher sei es manchmal schwierig, gute Leute zu finden. Demgegenüber stehen lange Wartelisten – vor allem für Säuglinge. Bereits in der Schwangerschaft melden Frauen ihre Babys an. Die höchstens acht Kleinkinder oder elf Kleinkindergärtler werden bei ihm in jeder Gruppe von je drei Betreuerinnen versorgt. Geschäftsführer Guhn: «Wir beschäftigen 14 fachlich ausgebildete Betreuerinnen und ab Herbst ebenso viele Lernende. Jede Lernende hat bei uns eine persönliche Ausbildnerin.»

Auch politisch ist das Thema Fremdbetreuung ein Dauerbrenner. «Professionelle Kinderbetreuung, schon im Babyalter, ist im Sinne des Service public. Die meisten europäischen Länder lassen sich die Betreuung von Kleinkindern ein Vielfaches dessen kosten, was die Schweiz heute aufwendet», sagt Hildegard Fässler-Osterwalder (SP/NR). Ihre Petition «Familienergänzende Kinderbetreuung fair finanzieren» verlangt, dass 1 Prozent des Bruttoinlandproduktes dort hineinfliesst. Das sind rund 5 Milliarden Franken. Die Petition liegt jetzt in der Gesundheitskommission. Fässler: «Je nachdem werden wir eine parlamentarische Initiative oder eine Motion für mehr Gelder einreichen.»
Damit sich Zustände wie in Aarburg AG oder Lugano TI nicht wiederholen.

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