VON SARAH WEBER

Jedes fünfte bis siebte Kind in der Schweiz ist übergewichtig. Jetzt wollen Konzerne mit klingenden Namen wie Coca-Cola, Kellogg’s, Mars, Nestlé, PepsiCo. und Unilever etwas dagegen unternehmen – auch, weil sie mit ihren Produkten immer wieder ins Visier von Kritikern geraten, die den Multis eine Mitverantwortung für die ungesunde Ernährung bei Kindern geben. «Wir nehmen das Thema ernst und möchten uns aktiv engagieren», sagt Markus Abt von Unilever. Aus diesem Grund haben die grossen Schweizer Lebensmittel- und Getränkekonzerne zusammen den so genannten «Swiss Pledge» lanciert.

«Swiss Pledge» – so heisst das neue Aktionsversprechen der sechs Schweizer Grosskonzerne. Erstmals verpflichten sie sich darin, auf Produktewerbung für Kinder unter 12 Jahren zu verzichten. Der «Swiss Pledge» steht weiteren Unternehmen offen. Bereits Interesse gezeigt an einer Beteiligung haben Danone, Zweifel und Rivella. «Wir hoffen, dass auch die grossen Detailhändler wie Migros und Coop mitmachen», sagt Abt.

Ob das Versprechen von den Konzernen eingehalten wird, überprüft ein unabhängiges Marktforschungsunternehmen. Kriterium: Als zulässig gilt eine TV-Werbung, wenn der Anteil der Kinder unter zwölf, die zu diesem Zeitpunkt vor dem Fernsehschirm sitzen, nicht über 50 Prozent beträgt. Auch Markenwerbung ist erlaubt, jedoch ohne die Koppelung an ein bestimmtes Produkt.

vom Verbot ausgenommen sind aber Produkte, die den so genannt «spezifischen Ernährungskriterien» genügen. Das heisst? «Wir stützen uns auf anerkannte ernährungsphysiologische Kriterien, wie sie vom ‹Bewusst wählen›-Lebensmittellabel angewendet werden», erklärt Abt. Konkret: Der Anteil an Transfettsäuren, gesättigten Fettsäuren, Natrium, Zucker, Energie muss gewissen Standards genügen.

Das heisst, nicht alle Produkte sind vom selbst auferlegten Werbeverbot betroffen. So dürfen beispielsweise Wasserglaces für Kinder weiter beworben werden, weil sie diesen Kriterien genügen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat das Aktionsversprechen der Grosskonzerne evaluiert und genehmigt. Die sechs Unternehmen geniessen nun ab sofort den Partnerstatus des eidgenössischen Gesundheitsförderungsprogrammes «Actionsanté».

Kritik am Engagement kommt vom Konsumentenschutz: Es sei zwar begrüssenswert, wenn sich die Firmen freiwillig engagierten, sagt Konsumentenschützerin Sara Stalder. Aber wenn ein Konzern gegen die Abmachung verstosse, gebe es keine Sanktionen.

«Deshalb braucht es verbindliche und faire Spielregeln, die auch entsprechend kontrolliert werden», fordert Stalder. In der Vergangenheit hat der Konsumentenschutz mehrmals Beschwerden gegen Werbung der Konzerne bei der Lauterkeitskommission eingereicht, die laut Stalder das Vorstellungsvermögen der Kinder ausnutzten.

Werbung, die sich an Kinder richtet, ist umstritten. Problematisch ist sie deshalb, weil die Impulskontrolle der Kinder kaum ausgeprägt ist. «Kinder können sich im Gegensatz zu Erwachsenen nicht gegen die Werbung wehren und reagieren darauf unkontrolliert», sagt der Wirtschaftspsychologe Christian Fichter von der Kalaidos Fachhochschule, ein bekannter Experte für die Wirkung von Werbung. «Die Werbung nutzt es natürlich gnadenlos aus, dass Kinder ihre Wünsche noch nicht reflektieren können», sagt Fichter.

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