Thomas Büeler kennt sich aus mit Trümmern. Es sah sie haufenweise: nach dem Erdbeben in Haiti, nach den Überschwemmungen in Pakistan. Trotzdem ist der 36-jährige Logistiker des Schweizerischen Roten Kreuzes erschüttert von der Verwüstung, die er auf den Philippinen antraf. «Ich stand vor der Ruine eines Schulhauses, in dem ein ganzes Dorf Zuflucht suchte und sich in Sicherheit wähnte. Der Taifun hat es komplett zerstört», berichtet er am Telefon. Die «Schweiz am Sonntag» erreicht ihn gestern Abend in Cebu City, als er von einer 15-stündigen Expedition zur Insel Bantayan zurückkehrt, die vor der Insel Cebu liegt.

Auf der Rückfahrt begegnet er Tausenden Bewohnern des südlichen Teils der Region. Sie bringen auf eigene Faust Lebensmittel in den Norden. Dort hat der Taifun «Haiyan» am Freitag vergangener Woche schwer gewütet. Die meisten Häuser wurden zerstört. Auf den Strassen stauen sich mit Reissäcken beladene Pick-ups. Büelers Aufgabe ist es, zu verhindern, dass die professionelle Unterstützung des Roten Kreuzes ebenfalls ins Stocken kommt. Deshalb bespricht er sich heute mit Helfern anderer Organisationen.

Am Montag will er mit seinem Kollegen aus der Schweiz und Helfern des philippinischen Roten Kreuzes Wellblechdächer und Werkzeuge auf die zerstörte Insel Bantayan bringen. Material zum Bau von Unterkünften wird in den verwüsteten Gebieten am meisten benötigt. Die Trinkwasserversorgung wurde bereits mittels improvisierter Brunnen wiederhergestellt. Büeler muss den Hilfstransport noch von den philippinischen Behörden bewilligen lassen.

Den Segen der Schweizer Bevölkerung hat er schon. Seit Beginn der Aktion der Stiftung Glückskette haben Spender schon über 6,5 Millionen Franken gesprochen. Am Montag findet zudem ein nationaler Sammeltag statt, an dem dieser Betrag erfahrungsgemäss noch weiter erhöht werden dürfte. «Wir spüren eine grosse Solidarität», sagt Daniela Toupane, Sprecherin der Glückskette. Mit früheren Spendenaktionen möchte sie die aktuelle nicht vergleichen. Die Spendenbereitschaft der Menschen sei bei Naturkatastrophen erfahrungsgemäss aber grösser als etwa bei Kriegen.

Auch der Bund leistet Hilfe. 6 Millionen Franken sprach das Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Eine erste Hilfslieferung von zehn Tonnen Material für die Wasseraufbereitung und die medizinische Versorgung ist am Freitag auf der Insel Cebu eingetroffen. Bis zu 10 000 Menschen können damit laut dem EDA während dreier Monate versorgt werden. Zudem ist das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe mit Experten im Einsatz. Sie organisieren vor allem Hilfe bei der Errichtung von Unterkünften.

Andere Länder sind weniger spendabel und werden von Grosskonzernen überboten. Das schwedische Möbelhaus Ikea stellte 2,7 Millionen Dollar für die Opfer zur Verfügung. Das ist mehr als die 1,6 Millionen Dollar, welche die Volksrepublik China beitrug. Und auch der Rohstoffkonzern Glencore mit Sitz in Baar ZG ist aktiv geworden: Er spendet 2 Millionen Dollar. Bereits vor einigen Tagen haben die Banken HSBC und JP Morgan Millionenspenden angekündigt.

Das Ausmass der Katastrophe ist enorm. Laut Schätzungen haben 2 Millionen Personen durch den Rekordsturm ihr Obdach verloren. Tausende fanden den Tod. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Lage immer noch unübersichtlich ist. Im Moment leisten die Helfer ausschliesslich Nothilfe. Laut Karl Schuler, Sprecher des SRK, dürfte es drei bis fünf Jahre dauern, bis nur schon die wichtigste Infrastruktur wie Häuser, Spitäler und die Wasserversorgung wiederhergestellt sind.

In der von der Katastrophe stark betroffenen Region um die Stadt Tacloban kam es zu chaotischen Szenen. Menschen begannen aus schierer Not zu plündern. Hilfskonvois wurden ausgeraubt. Auf der Insel Cebu, wo die Schweizer Hilfswerke ihr Engagement konzentrieren, ist die Lage entspannter. «Weil es keine grossen Menschenmengen gibt, bricht weniger schnell Panik aus», berichtet SRK-Logistiker Büeler.

Ein anderes Phänomen macht ihm zu schaffen. An den Strassen stehen Kinder und betteln. Doch Büeler und seinen Kollegen müssen vorbeifahren, ohne zu helfen. «Es fällt mir schwer einem Kind die direkte Hilfe zu verweigern, doch wir müssen unsere Mittel gezielt einsetzen. Wenn ich hart bleibe, kann ich schliesslich zwei Kindern helfen», sagte Büeler am Telefon.

Spenden für die Glückskette auf Postkonto 10-15000-6, Vermerk «Taifun Haiyan»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper