Das Bundesamtes für Gesundheit BAG warnt: Wegen Lieferungsengpässen stehen von den zugesicherten 1,3 Millionen Impfdosen 300 000 zu wenig zur Verfügung. Schuld daran sind die Pharmahersteller Novartis und Crucell. Sie haben Probleme bei der Herstellung des Impfstoffes. Während Swissmedic den Auslieferungsstopp gegen Novartis wieder aufhob, sieht es bei Crucell nicht nach einer baldigen Lösung aus. «Wir können keine zeitlichen Prognosen abgeben, wann wir unseren Grippe-Impfstoff an die Schweiz ausliefern können», hiess es auf Anfrage.

Die Warnung des BAG erstaunt. Würde es seinen eigenen Prognosen glauben, müsste es die Zahl der rund 300 000 fehlenden Impfdosen stark nach unten revidieren. Da sich die Schweizer immer weniger gegen die Grippe impfen lassen, betrug die Zahl der benötigten Impfdosen letztes Jahr gerade noch 1,1 Millionen – so wenig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Hält dieser Abwärtstrend dieses Jahr an, so genügen die vorhandenen 1 Million Impfdosen aus.

Das Problem des BAG ist denn auch nicht der herbeigeredete Engpass, sondern die Impfmüdigkeit der Schweizer. Diese hat nicht zuletzt damit zu tun, dass man sowohl bei der Vogel- wie zuletzt 2009 bei der Schweinegrippe eine Pandemie herbeibeschwor, welche nie eintraf. Die Glaubwürdigkeit war dahin und die Zahl der Impfdosen sank letztes Jahr drastisch um 150 000 Dosen.

Verpasst hat das BAG auch sein hochgestecktes Ziel der Durchimpfungsrate bis Ende 2012. Statt der avisierten 75 Prozent bei den Risikogruppen sind es gerade mal 42 Prozent. Und statt 50 Prozent beim Pflegepersonal liessen sich nur 22 Prozent impfen. Diese niederschmetternden Ergebnisse sind für die Gesundheitsexperten frustrierend, weil Zahlen belegen, dass die Grippeimpfung in mehrfacher Hinsicht Wirkung zeigt. Seit die Kampagne gegen die Influenza verstärkt wurde, hat sich die Zahl der Impfdosen von 1995 bis 2000 auf über 1 Million verdoppelt und die Arztbesuche gingen markant zurück.

In Zahlen: Konsultierten in den Jahren von 1992 bis 1999 noch 320000 Personen einen Arzt wegen der Grippe, waren es von 2001 bis 2010 noch durchschnittlich 200000 Patienten. Im Schnitt 120000 weniger Patienten pro Jahr hat auch Folgen für die Kosten: Weniger Arztbesuche, weniger Spitaleinweisungen und weniger fehlende Arbeitnehmer ergeben Einsparungen von mehreren Dutzend Millionen Franken pro Jahr.

Doch diese Pro-Impfungsargumente zeigen keine Wirkung. Das Gegenteil ist der Fall. Im Aufwind sind die Impfgegner. Gegen das Tierseuchengesetz sammelten sie mit dem Argument, man wolle Tiere damit zwangsimpfen, genügend Unterschriften für ein Referendum. Jetzt muss das Volk am 25. November darüber abstimmen. Unterstützung erhalten sie einzig von der SVP.

Diese Woche läuft von den gleichen Gegnern bereits das nächste Referendum an. Diesmal gegen das Epidemiengesetz. Auch hier wird behauptet, man wolle damit durch die Hintertür einen Impfzwang in der Schweiz einführen.

Kopf der Impfgegner ist der Bündner Naturheilpraktiker Daniel Trappitsch. Der Mann, der auch spirituelle Lebensbegleitung anbietet und Verbindungen zu rechten Patrioten wie dem Verein «Bürger für Bürger» pflegt, ist es gelungen, bekannte SVP-Politiker auf seine Seite zu ziehen. So Oskar Freysinger, Lukas Reimann oder Yvette Estermann. Aber auch CVP-Nationalrat Jakob Büchler ist beim Referendum mit dabei.

Bei den Grünen, von denen viele impfkritisch eingestellt sind, hat man Mühe das Referendum zu unterstützen. Man fürchtet sich davor, in den Dunstkreis von fundamentalen religiösen Kreisen zu geraten.

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