Die Menschenschmuggler machen derzeit auf Kosten von Flüchtlingen das grosse Geschäft. Sie bieten unterschiedliche Dienstleistungen an: von der Hilfe beim Ticketkauf am Bahnhof Mailand bis hin zu organisierten Bootsfahrten von der nordafrikanischen Küste übers Mittelmeer nach Italien und in die Schweiz. Dabei kann allein die Reise von Süditalien nach Chiasso 400 Euro kosten.

Neuste Zahlen zeigen, dass der Menschenschmuggel auch in der Schweiz stark zugenommen hat. Seit Januar haben die Grenzwächter 156 Schlepper aufgegriffen. Das sind fast 40 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Dabei zeigt sich, dass das Schleppergeschäft zu grossen Teilen in kosovarischer Hand ist. So stammen 25 Prozent der Tatverdächtigen aus Kosovo. Die zweit- und drittgrösste Gruppe machen Schweizer und Eritreer aus.

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) erklärt den hohen Anteil von Kosovaren mit der grossen Diaspora in der Schweiz. Der Menschenschmuggel sei ein attraktives Geschäft geworden, das grosse Gewinne verspricht, während das Risiko einer strafrechtlichen Verfolgung vergleichsweise gering sei. Dank gefälschter Dokumente können die Täter aus dem Hintergrund agieren.

Besonders an der Südgrenze sind die Grenzwächter gefordert. Weil das Tessin als Station auf der Route der Schlepper wichtiger wird, interessieren sich nun auch die deutschen Behörden für die Schweizer Grenze zu Italien. Seit Anfang Mai hat die deutsche Bundespolizei einen Verbindungsbeamten in Chiasso positioniert. Die Bundespolizei übernimmt in Deutschland die Aufgabe, «die unerlaubte Einreise in das Bundesgebiet zu verhindern und Gefahren abzuwehren, die der Grenze drohen». Der deutsche Verbindungsbeamte tauscht sich mit den Schweizer Kollegen über die neuesten Tricks der Schlepper aus.

Diese arbeiten immer raffinierter, verlassen ihr Territorium nicht mehr, sondern übergeben sich ihre Kunden klandestin. So wird es schwieriger für die Polizei, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Erkenntnisse, die der deutsche Beamte im Tessin gewinnt, wenden seine Kollegen in Konstanz oder Basel an, sagt Steffen Zaiser, Sprecher der Bundespolizeidirektion Stuttgart. Doch auch deutsches Wissen fliesst in die Arbeit der Schweizer Grenzwächter ein. Eingreifen darf der Deutsche an der italienischen Grenze nicht. Er verfügt über keine polizeilichen Kompetenzen. Dennoch ist die Bundespolizei von dem auf drei Monate befristeten Pilotprojekt begeistert. «Bereits jetzt zeichnet sich der Wert dieser Massnahme ab», sagt Sprecher Zaiser. Eine Verlängerung über den ersten Zeitraum hinaus werde angestrebt.

Die Chancen auf eine solche stehen gut. Das Grenzwachkorps (GWK), das die Verlängerung bewilligen muss, hat noch nicht entschieden, lässt aber verlauten: «Wenn der Nutzen für beide Seiten gewährleistet ist, ist eine Verlängerung durchaus anzustreben», so Stefanie Widmer, Sprecherin der GWK.

Fest steht: Den Schleppern gehen die Kunden nicht aus. Die Zahl der Migranten, die wegen «rechtswidrigen Aufenthalts» verhaftet wurden, verdoppelte sich im Mai nahezu.

2376 Menschen versuchten im Monat Mai, illegal einzureisen. Im April waren es noch 1346. Damit steigt die Zahl der von Grenzwächtern seit Jahresbeginn aufgegriffenen Menschen auf 7027.

Von den Verhafteten stammen 976 aus Eritrea, 747 aus Gambia, 558 aus Kosovo und 467 aus Somalia. Mehr als zwei Drittel reisten mit dem Zug ein, der Rest kam in privaten Autos oder Lastwagen.

Die grosse Mehrheit wählt dabei die Hauptrouten, um so in der Masse sämtlicher Reisender unterzutauchen. Über die grüne Grenze kommen nur sehr wenige.

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